SYDNEY (Biermann) – Jungen mit mittelschwerer bis schwerer Hämophilie stecken oft in einem Dilemma: Sie sollen sich ebenso wie andere Kinder viel bewegen, bleiben aber bei Sportarten, in denen es oft zu Körperkontakt bis hin zu Zusammenstößen kommt, häufig außen vor, da Eltern und Ärzte ein zu hohes Blutungsrisiko befürchten.

Doch wie hoch ist dieses Risiko tatsächlich? Dieser Frage ging jetzt eine aktuelle australische Studie auf den Grund, da solche Informationen wichtig sind, wenn es darum geht, über die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten zu entscheiden.

Das Ergebnis: Verletzungsträchtige Sportarten waren zwar mit einem erhöhten Blutungsrisiko verbunden, die gute Nachricht lautet aber, dass es ganz so aussieht, als sei der absolute Anstieg des Risikos gering. Die Studienergebnisse sind am 10. Oktober in der Fachzeitschrift JAMA erschienen.

Carolyn R. Broderick von der University of Sydney, Australien, und ihre Kollegen führten eine Studie durch, um den vorübergehenden Anstieg des Blutungsrisikos, das bei hämophilen Kindern mit verschiedenen Sportarten assoziiert ist, zu quantifizieren.

Die Studie wurde zwischen Juli 2008 und Oktober 2010 an drei Hämophilie-Zentren in Australien durchgeführt und umfasste 104 Kinder und Teenager zwischen vier und 18 Jahren, die unter mittelschwerer oder schwerer Hämophilie A oder B litten. Die bei ihnen auftretenden Blutungen wurden bis zu einem Jahr lang dokumentiert.

Nach jeder Blutung wurde das Kind oder ein Elternteil interviewt, um zu klären, inwieweit das betroffene Kind zuvor körperlich aktiv gewesen war. Die körperliche Aktivität wurde nach der erwarteten Frequenz und Schwere von Zusammenstößen kategorisiert.

Das mit dem Sport verbundene Blutungsrisiko wurde abgeschätzt, indem die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten in den acht Stunden vor der Blutung mit der Teilnahme in zwei achtstündigen Kontroll-Zeitfenstern (ohne Blutungen) verglichen wurde. Zudem berücksichtigten die Wissenschaftler die Konzentrationen des jeweils entscheidenden Gerinnungsfaktors im Blut.

Insgesamt traten 436 Blutungen auf, davon 336 "Studienblutungen", das heißt Blutungsepisoden ohne eine weitere Blutungsepisode in den vorangegangenen zwei Wochen. Achtundachtzig Teilnehmer (84 Prozent) gaben mindestens eine Blutung an. Die häufigsten von einer Blutung betroffenen Körperteile waren Knie (15%), Sprunggelenk (14%) und Ellbogen (10%).

Verglichen mit Untätigkeit und Aktivitäten der Kategorie 1 (z. B. Schwimmen) waren Aktivitäten der Kategorie 2 (z. B. Basketball) mit einem vorübergehenden Anstieg des Blutungsrisikos um das 2,7-Fache verbunden.

Aktivitäten der Kategorie 3 (z. B. Ringen) waren mit einem vorübergehenden Anstieg des Blutungsrisikos um das 3,7-Fache assoziiert. Auch wenn sich diese Zahlen dramatisch anhören, so sprechen diese Blutungswahrscheinlichkeiten nach Ansicht der Wissenschaftler doch dafür, dass für die meisten Kinder der absolute Anstieg des mit Sport verbundenen Blutungsrisikos gering ist.

"Um diesen absoluten Risikoanstieg zu illustrieren: Bei einem Kind, dass fünfmal pro Jahr Blutungen aufweist und im Schnitt zweimal wöchentlich an Aktivitäten der Kategorie 2 teilnimmt und einmal pro Woche an Aktivitäten der Kategorie 3, war nur eine der fünf jährlichen Blutungen mit der Teilnahme an diesen Aktivitäten assoziiert", schreiben die Autoren. Die meisten Blutungen, die auf das Konto des Sports gingen, traten innerhalb einer Stunde danach auf.

"Diese Studie bestätigt, dass körperliche Aktivität bei Kindern und Jugendlichen mit mittelschwerer oder schwerer Hämophilie A oder B mit einem erhöhten Blutungsrisiko verbunden ist", bilanzieren die Wissenschaftler. "Sie belegt, dass die relative Zunahme des Risikos moderat ausfällt. Für die meisten Kinder wird die absolute Zunahme des Risikos jedoch vermutlich gering sein."

In einem begleitenden Leitartikel merkt Dr. Marilyn J. Manco-Johnson von der University of Colorado an, dass die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten wichtig sein kann, um dazu beizutragen, dass Gefühl der Isolation zu reduzieren, unter dem viele Kinder mit Hämophilie leiden, und dass "Leitlinien, die sich mit hämophilen Kindern und ihrer Teilnahme an kollisionsträchtigen Sportarten befassen, gebraucht werden".

"Diese Empfehlungen sollten Folgendes beinhalten: die Schulung von Eltern und Athleten über potenzielle kurz- und langfristige Komplikationen, die mit der Teilnahme an sportlichen Aktivitäten einhergehen, Maßnahmen zur Risikoreduktion mit Prophylaxe-Regimen, Programme für Kondition und Muskelaufbau sowie die positiven Auswirkungen der sportlichen Betätigung auf die körperliche, soziale und emotionale Entwicklung sowie zur Prävention von Fettleibigkeit."

Quelle: JAMA and Archives Journals, 09.10.2012 ; JAMA 2012;308[14]:1452-1459, 1480-1481.