KÖLN (MedCon) – In Deutschland werden nach wie vor viel weniger Patienten mit rekombinantem Faktor VIII behandelt als etwa in Frankreich, Dänemark, Schweden oder den USA, wo mehr als 80 Prozent biotechnisch hergestellte FVIII-Präparate erhalten. Ein Grund dafür könnte in der größeren Skepsis der Deutschen gegenüber allem liegen, was mit Gentechnik in Verbindung gebracht wird.

Doch Achtung: Wer nicht gut informiert ist, läuft Gefahr, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Denn anders als die "grüne Biotechnologie", die versucht, durch genetische Veränderungen gegen Parasiten und Krankheiten resistente Pflanzen zu züchten, werden bei der "roten Biotechnologie" mithilfe von Zellen menschliche Proteine möglichst naturidentisch erzeugt.

Genau das ist auch beim Faktor VIII der Fall: Wissenschaftler haben dazu die Erbinformation, die zu seiner Produktion benötigt wird, in eine bestimmte Zelllinie – die vom Chinesischen Hamster stammt – eingebaut. Das erste mithilfe dieser Hamsterzellen erzeugte Produkt wurde bereits 1992 in Schweden und den USA zugelassen.

Damals wurden noch tierische und menschliche Proteine eingesetzt, um die Hamsterzellen in Bioreaktoren gut wachsen zu lassen. Außerdem kam das aus Plasma stammende Protein Albumin als Stabilisator des Faktor VIII zum Einsatz. Auch bei der Herstellung des FVIII-Antikörpers, der zur Aufreinigung des Faktor VIII notwendig ist, kamen Fremdproteine zum Einsatz.

Potenzielle Viren, die mit diesen Fremdproteinen übertragen werden könnten, wurden zwar inaktiviert, aber die Krankheiten Scrapie (beim Schaf), BSE (beim Rind) und vCJK (beim Menschen) zeigen, dass dies möglicherweise nicht reicht: Als Auslöser dieser Erkrankungen wurden natürliche, aber falsch gefaltete Proteine (Prionen) identifiziert – die von einer solchen Virusinaktivierung nicht erfasst werden. Das Risiko durch Prionen ist zwar selbst bei der Herstellung von plasmatischem Faktor VIII äußerst gering, da sie bei der Aufreinigung weitgehend entfernt werden, aber eine Ansteckung kann nicht vollständig ausgeschlossen werden.

Daher ist es am besten, von vornherein auszuschließen, dass potenzielle Krankheitserreger in ein FVIII-Präparat gelangen. Aus diesem Grund suchten Forscher nach Wegen, die Hamsterzellen in einer pflanzlichen Nährlösung zu züchten – mit Erfolg! Auch die für die Aufreinigung notwendigen Antikörper können heute ohne tierische oder menschliche Proteine hergestellt werden. Zudem wurde das früher als Stabilisator für FVIII eingesetzte Albumin gegen spezielle Zucker und Salze ausgetauscht.

Die Herstellung von rekombinantem FVIII umfasst die folgenden Schritte:

  1. Es werden Hamsterzellen aus einer genau charakterisierten plasma- und albuminfreien Master-Zellbank entnommen.
  2. Diese Zellen müssen nun in Nährmedium wachsen und sich vermehren.
  3. In Bioreaktoren erzeugen die Hamsterzellen dann Faktor VIII, der über eine kontinuierliche Perfusion sozusagen geerntet wird. Gleichzeitig produzieren die Zellen auch – zur Stabilisierung von Faktor VIII – Von-Willebrand-Faktor, der aber im fertigen Produkt nicht mehr auftaucht.
  4. Nachdem das Zellkulturmedium, das den Faktor VIII enthält, gefiltert wurde, um die Hamsterzellen zu entfernen, muss es durch Säulen laufen: Daran sind die gegen Faktor VIII gerichteten Antikörper gebunden, die FVIII aus dieser Lösung mit vielen Bestandteilen gezielt herausfischen.
  5. Anschließend wird der Faktor VIII wieder von diesen Antikörpern losgelöst und mithilfe anderer Säulen weiter gereinigt und virusinaktiviert.
  6. Zum Schluss wird der gereinigte albumin- und plasmafreie Faktor VIII gefriergetrocknet.