WIEN (Biermann) – Bei hämophilen Patienten kann die Pharmakokinetik und somit die Halbwertszeit von Faktor VIII stark variieren: Das heißt, wird die gleiche Menge Faktor-VIII-Konzentrat verschiedenen Patienten mit dem gleichen Körpergewicht injiziert, kann die Zeit, bis nur noch die halbe Konzentration im Blut nachweisbar ist, erheblich schwanken. So beschrieben Forscher in der ADAPT-Studie Halbwertszeiten von 7,4 bis zu 13,1 Stunden. Dadurch unterschied sich der Zeitraum, bis FVIII auf eine Konzentration von 1% gefallen war, um fast 33 Stunden.

Doch welche Fragen sind bei der pharmakokinetisch (PK) gesteuerten Prophylaxe zu erwägen? Darauf gehen Prof. Armin Reininger und Dr. H. E. Chehadeh, Wien, in einem aktuellen Artikel in der Fachzeitschrift „Hämostaseologie“ ein.

Sicherheit und Wirksamkeit der PK-gesteuerten Prophylaxe seien in einer aktuellen Studie belegt worden, stellen sie zunächst einmal fest. In dieser Studie wurde die Standardprophylaxe mit  20–40 IE rekombinantem FVIII (rFVIII)/kg Körpergewicht jeden 2. Tag mit einer PK-gesteuerten Prophylaxe mit 20–80 IE rFVIII/kg jeden 3. Tag verglichen. Beide Prophylaxe-Regime reduzierten im Vergleich zu einer vorangegangenen Phase mit bedarfsgesteuerter Behandlung die mediane jährliche Blutungsrate von 44 auf 1. Die Lebensqualität der Studienteilnehmer stieg dadurch deutlich.

Bislang werden den Leitlinien zufolge neun Messpunkte innerhalb von 48 Stunden benötigt, um die Pharmakokinetik zu bestimmen – für die Betroffenen recht unangenehm. Neuen Untersuchungen zufolge scheinen jedoch auch drei Messpunkte innerhalb von 48 Stunden auszureichen, schreiben Reininger und Chehadeh. Selbst eine einzelne Blutprobe 24 Stunden nach der Injektion liefert bessere Anhaltspunkte für die anfängliche Dosierung als das Körpergewicht.

Doch welche Faktorkonzentration darf nicht unterschritten werden, wenn Blutungen vollständig verhindert werden sollen? Die normalen FVIII-Plasmaspiegel bei nicht hämophilen Menschen liegen konstant bei über 40% – solche Spiegel durch FVIII-Konzentrat erreichen zu wollen, ist allerdings selbst in Industrieländern nicht finanzierbar. 

Eine Studie aus den Niederlanden mit Patienten mit mittelschwerer Hämophilie deutet darauf hin, dass bei einer Restaktivität von FVIII im Plasma von >3% keine Gelenkblutungen auftreten. Die aktuellen Prophylaxe-Regime, die darauf ausgelegt sind, bei Patienten mit schwerer Hämophilie FVIII-Spiegel von >1% nicht zu unterschreiten, sind möglicherweise suboptimal, wenn es darum geht, jede spontane Gelenkblutung zu verhindern.

Zudem stellen Reininger und Chehadeh in ihrem Artikel fest, dass Untersuchungen zufolge Patienten mit bereits bestehenden Gelenkschäden möglicherweise höhere Minimalkonzentrationen von FVIII oder längere Phasen mit Maximalkonzentrationen benötigen, um blutungsfrei zu bleiben.

Quelle: Hämostaseologie 2013; 33 (Suppl 1): S32–S35