BELGRAD (BIERMANN) – Die Entwicklung von Inhibitoren gegen den Gerinnungsfaktor VIII (FVIII) bei Patienten ohne angeborene Hämophilie wird auch als erworbene Hämophilie A bezeichnet. Diese Inhibitoren neutralisieren die Gerinnungsfunktion von FVIII, so dass schwere Blutungen auftreten können, die mitunter lebensbedrohlich sind.

Der serbische Professor Dr. Ivo Elezovi? gibt einen Überblick über den bisherigen Kenntnisstand bezüglich der Entstehung und den Therapiemöglichkeiten des erworbenen Hämophilie-A-Syndroms.

Die erworbene Hämophilie kommt relativ selten vor: Lediglich bis zu vier Behandlungsfälle pro eine Millionen Patienten werden jährlich festgestellt. Allerdings treten bei diesen Patienten dann sehr häufig schwere Blutungen mit einem Anteil von 90 Prozent auf, welches mit einer erhöhten Sterblichkeitsrate von acht bis 22 Prozent verbunden ist. Die meisten Patienten leiden dann an spontanen Blutungen in der Haut, im Muskelgewebe, in den Weichteilen und in den Schleimhäuten, wohingegen Blutungen in die Gelenkzwischenräume relativ selten seien.

Operationen können die Bildung von Inhibitoren begünstigen

Etwa 50 Prozent der Patienten mit erworbener Hämophilie-A hatten vorher keine Begleiterkrankungen, während die andere Hälfte an Autoimmunkrankheiten litt, Infektionen hatte oder zusätzlich noch andere Medikamente einnahm. Wie wird also die Entstehung von Inhibitoren begünstigt?

Dr. Corien L. Eckhardt hat eine Literaturrecherche durchgeführt, inwieweit Operationen die Bildung von Inhibitoren gegen FVIII begünstigen. Die Auswertung ergab, dass Operationen eher eine Immunantwort auf die intensive Verabreichung des FVIII auslösen, als eine Behandlung von starken, akuten Blutungen. Der Autor gegründet die Ergebnisse damit, dass die Gewebeschädigungen bei der Operation immunologische Gefahrensignale auslösen, die in Kombination mit einem hohen FVIII Spiegel die Bildung von Inhibitoren fördern.

Die Diagnose erworbene Hämophilie A wird nach der die Messung der partiellen Thromboplastinzeit (PTT, engl. für Partial Thromboplastin Time) gestellt, wenn sie sich selbst nach Faktorgabe nicht normalisiert. Die Diagnose wird dann durch das FVIII-Inhibitor-Screening mit dem so genannten Bethesda Assay bestätigt.

Therapieziel: Dauerhafte Reduzierung der Inhibitoren

Die Versorgung von akuten Blutungen und die dauerhafte Reduzierung des Inhibitoren-Spiegels im Blut stehen im Mittelpunkt der Therapie von Patienten mit erworbener Hämophilie A. Bei akuten Blutungen und einem hohem Inhibitor-Titer von mehr als fünf BU (Bethesda Units) wird dem Patienten FEIBA (ein aktiviertes Prothrombinkomplex-Präparat)

injiziert oder es erfolgt die Erhöhung des FVIII-Spiegel im Blut durch Desmopressin (ein synthetisch hergestellter Eiweißstoff). Bei einem geringeren Anteil an Inhibitoren im Blut (unter fünf BU) reichen die handelsüblichen FVIII-Präparate für eine funktionierende Blutgerinnung aus.

Die Behandlung mit FEIBA (50-100 IU/kg alle 8 bis 12 Stunden) hat eine blutstillende Wirkung in 75-80 Prozent der betroffenen Patienten erreicht. Patienten mit einem geringen Inhibitor-Titer können mit der empfohlenen Dosis an FVIII-Präparaten von 40 IU/kg plus 20 IU/kg für jede Inhibitor Einheit (BU) versorgt werden.

Langzeit-Behandlung: Immunsuppression oder Filtration

In ganz wenigen Fällen verschwindet die erworbenen Hämophilie A spontan. In den meisten Fällen ist eine Langzeit-Behandlung notwendig, indem beispielsweise das Immunsystem durch Immunsuppression, Immunmodulation oder durch intravenöse Immunglobulin-Gabe verändert wird.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die erworbenen Inhibitoren durch physikalische Methoden im Blut "herauszufiltern" entweder durch Austausch des Blutplasmas (Plasmapherese) oder durch Filterung des Plasmas und seine Rückführung zum Patienten (Immunadsorption). Es kann aber auch eine Kombination dieser verschiedenen Techniken sinnvoll sein, um den Anteil der Inhibitoren gegen FVIII zu senken.

Quellen: Srp Arh Celok Lek. 2010 Jan;138 Suppl 1:64-68 und J Thromb Haemost. 2011 Aug 12. doi: 10.1111/j.1538-7836.2011.04467.x.