Die schnelle Erkennung eines Erregers bei gefährlichen Infektionsgeschehen ist eine wesentliche Voraussetzung erfolgreicher Gegenmaßnahmen. Zwar decken so genannte PCR-Techniken und immunologische Nachweismethoden zuverlässig ein großes Spektrum bekannter krank machender Organismen ab. Aber bei neuartigen oder unerwarteten Viren und Bakterien ist eine schnelle Diagnostik meist nicht möglich, weil die benötigten Erbgutmarker (Primer) beziehungsweise Eiweißmarker (Antikörper) fehlen. Dann bietet ein geschulter Blick auf den Erreger im Elektronenmikroskop (EM) einen sicheren Befund oder ist richtungsweisend für eine anschließende Feindiagnose.

Zudem kann aufgrund der kurzen Präparationszeiten mit einer EM-Diagnose oft schon nach einer Viertelstunde gerechnet werden. Auf diese Vorteile hat Dick Madeley (Newcastle, England) in seiner Eröffnungsrede zum Workshop "Diagnostic Electron Microscopy in Infectious Diseases" hingewiesen, an dem kürzlich im Robert Koch-Institut renommierte Experten aus 19 Ländern teilnahmen, darunter aus Australien, Indien und den USA. Die Veranstaltung wurde ausgerichtet vom Konsiliarlabor für Elektronenmikroskopische Erregerdiagnostik am RKI und vom Arbeitskreis EM-Erregerdiagnostik (AK-EMED) der Deutschen Gesellschaft für Elektronenmikroskopie.

Aus westafrikanischen Mücken wurden am RKI eine Reihe unbekannter Viren isoliert und mit Hilfe der EM durch Andreas Kurth die Feinstruktur ermittelt. Darunter befindet sich wahrscheinlich ein neues Mitglied der Reovirus-Familie. Zu den Reoviren (eine Abkürzung für respiratory enteric orphan virus) gehören zum Beispiel das Rotavirus, eine häufige Durchfall-Ursache. Ob unter den neu entdeckten Viren krank machende Erreger dabei sind, ist noch unklar. Untersuchungen zur EM-Diagnostik des kürzlich gefundenen humanen Bocavirus stellte Hazel Appleton (HPA London, England) vor. Das zu den Parvoviren gehörende Bocavirus wird mit Atemwegserkrankungen in Verbindung gebracht, es wird nicht von bisherigen Parvovirus-Tests erfasst. Über die Rolle der Elektronenmikroskopie bei der Entdeckung des SARS-Virus und dessen Diagnostik informierten Charles Humphrey und Cynthia Goldsmith aus den USA (CDC, Atlanta). Die im EM beobachteten stachelförmigen Strukturen an der Oberfläche des damals unbekannten Virus waren für Coronaviren typisch und gaben wichtige Hinweise für die gezielte weitere molekularbiologische Diagnostik.

Norbert Bannert, im Robert Koch-Institut Leiter des Konsiliarlaboratoriums, berichtete, dass die Welt gegenwärtig erstmals Zeuge einer massiven viralen "Endogenisierung" wird: Das Koala-Retrovirus begann offenbar erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Australien Koalas zu infizieren und in ihre Keimbahn zu gelangen. Dadurch werden diese Retroviren, die in vielen Tieren zu Blutkrebs und Lymphomen führen, über Generationen vererbt. Humane endogene Retroviren stehen im Verdacht, auch beim Menschen an der Entstehung bösartiger Tumoren beteiligt zu sein.

Auch bei einer absichtlichen Freisetzung von Erregern hat die EM-Diagnostik eine hohe Bedeutung. So stellte Michael Laue (Robert Koch-Institut) eine neuartige Schnellschnittmethode vor, mit der insbesondere die elektronenmikroskopische Sporendiagnostik (etwa bei Milzbrand-Sporen) an Sicherheit gewinnt.

Weitere Information: www.rki.de > Infektionsschutz > Nationale Referenzzentren/Konsiliarlaboratorien