GAINESVILLE (BIERMANN) – US-Forscher ersinnen derzeit einen Weg, wie genetisch veränderte Pflanzen Hämophilie-Patienten mit Hemmkörpern helfen könnten. Ihre Ergebnisse haben sie kürzlich in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences vorgestellt.

Das Team aus Florida hat Pflanzen genetisch so verändert, dass sie das Toleranz induzierende Protein innerhalb der Zellwand einschließen. Wenn die Pflanze dann aufgenommen wird, kann es unbeschadet durch den Magen wandern und im Dünndarm freigesetzt werden. Dort kann es auf das Immunsystem einwirken, um Toleranz zu erzeugen.

Das preisgünstige System auf Pflanzenbasis wird derzeit an Mäusen getestet. Der Ansatz soll auch potenziell bei anderen Erkrankungen wie Nahrungsmittelallergien und Autoimmunerkrankungen anwendbar sein.

Bei Hämophilie A wehrt sich das Immunsystem bei jedem vierten Patienten mit Antikörpern gegen die Therapie. Bei Hämophilie B sind zwar nur bis zu vier Prozent der Patienten betroffen, hier drohen aber lebensbedrohliche anaphylaktische Reaktionen.

Die Forscher um Dr. Dheeraj Verma und Dr. Babak Moghimi fügten das Gen für Faktor IX, der therapeutisch bei Hämophilie B eingesetzt wird, in das Erbgut der Pflanzen ein. Um möglichst viel Protein zu erzeugen, packten sie mehrere tausend Genkopien in die Chloroplasten, die Kraftwerke der Pflanzen.

Dann fütterten sie über längere Zeit hämophile Mäuse mit dem eingekapselten Protein. War dieses zunächst noch durch die Zellwände der Pflanzen vor Magensäuren und Verdauungsenzymen geschützt, "knabberten" im Dünndarm Bakterien die Zellwände auf: Dadurch wurde das Protein freigesetzt und wirkte auf das Immunsystem ein, so dass es gegenüber dem therapeutischen Faktor tolerant wurde.

Wurden die Mäuse später mit der Gerinnungsfaktor-Therapie behandelt, produzierten sie keine oder nur noch wenig Inhibitoren, und keine von ihnen erlitt einen anaphylaktischen Schock. "Wir haben sie dazu gebracht, dass sie Toleranz entwickeln und den allergischen Teil dieser Therapie entfernt", sagte Dr. Henry Daniell. Die Mäuse überlebten die einst tödliche Behandlung nicht nur, sie zogen auch einen größeren Nutzen aus der Therapie als andere Mäuse.

"Sie werden sich vielleicht fragen 'Warum hat es das bislang nicht gegeben?'" kommentierte Dr. Thierry Vandendriessche, Präsident der European Society of Gene Cell Therapy. "Das liegt daran, dass es schwierig war, eine große Menge Protein zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bringen. Ich halte dies für einen Meilenstein – niemand hat je zuvor mit einem nicht invasiven Verfahren solche Level an stabiler Immuntoleranz erreicht."

Die Forscher werden die Funktionsweise ihrer Methode näher untersuchen, den Ansatz auf die Behandlung von Hämophilie A bei Mäusen ausweiten und letztlich Studien an Menschen vornehmen. Dafür soll das Protein in Salat produziert werden – und zwar so, dass eine Zufuhr von Standarddosen möglich wird.

Quelle: University of Florida; PNAS 2010; 107 (15): 7101-6; online vorab erschienen am 29. März 2010