INDIANAPOLIS (Biermann) – Wenn bei einem hämophilen Patienten Hemmkörper, auch Inhibitoren genannt, gegen Faktor VIII festgestellt werden, empfehlen die US-amerikanischen Leitlinien, den Start der sogenannten Immuntoleranz-Induktion (ITI) hinauszuschieben, bis der Inhibitor-Titer (= die Konzentration im Blut) unter zehn Bethesda-Einheiten (BU) gesunken ist, um den Erfolg zu verbessern. Doch wie berechtigt ist diese Empfehlung? Dieser Frage gingen Charles Nakar vom Indiana Hemophilia and Thrombosis Center in Indianapolis und seine Kollegen jetzt nach.

Sie führten eine Studie durch, um das Ergebnis der ITI in Relation zu der Zeit, die zwischen Inhibitor-Nachweis und ITI-Beginn verstrichen ist, auszuwerten – ungeachtet des Inhibitor-Titers. Zu diesem Zweck erhoben sie rückblickend Daten von zwei US-Hämophiliezentren zu Patienten mit schwerem/mittelschwerem FVIII-Mangel und Inhibitoren, die sich einer ITI unterzogen.

Die Ergebnisse definierten die Wissenschaftler ganz pragmatisch:

  • Erfolg – negativer Inhibitor-Titer und die Fähigkeit, FVIII-Konzentrat zur Behandlung oder Prävention von Blutungen einsetzen zu können.
  • Teilerfolg: Inhibitor-Titer zwischen einer und unter fünf BU mit der Fähigkeit, FVIII-Konzentrat zur Behandlung von Blutungen einsetzen zu können.
  • Misserfolg – ITI über mehr als drei Jahre ohne Erfolg/Teilerfolg oder Abbruch der ITI.

Insgesamt 58 Patienten wurden in die Studie eingeschlossen. Von 39 mit einem stark ansprechenden Inhibitor (high-responding inhibitor, HRI) erreichten 32 einen Erfolg, bei sieben schlug die ITI fehl. Bei einem solchen Inhibitor reagiert das Immunsystem bei Infusion von Faktor-VIII-Konzentrat mit einem schnellen Anstieg des Titers.

Die HRI-Patienten wurden dann nach dem Zeitpunkt des ITI-Beginns weiter unterteilt: 23 von 39 begannen innerhalb eines Monats nach der Inhibitor-Diagnose und davon erzielten 22 (96%) einen Erfolg. Von diesen 23 hatten 13 die ITI mit einem Inhibitor-Titer von zehn oder mehr BU begonnen – und alle mit Erfolg abgeschlossen. Bei elf von 39 HRI-Patienten waren bis zum ITI-Start mehr als sechs Monate verstrichen – von diesen erzielten nur sieben (64%) einen Erfolg.

„Die Zeitspanne zwischen Inhibitor-Nachweis bis zum ITI-Start könnte für das Ergebnis eine entscheidende Rolle spielen”, schreiben Nakar und seine Kollegen. Ein Titer von zehn BU oder mehr beim ITI-Start habe das Ergebnis nicht beeinflusst, wenn die ITI innerhalb eines Monats nach dem Inhibitor-Nachweis begonnen wurde. Daher sollte eine umgehende ITI als realistische therapeutische Option für Patienten mit gerade nachgewiesenen Inhibitoren betrachtet werden, ungeachtet des aktuellen Inhibitor-Titers, ergänzen sie.

Quelle: Haemophilia, online erschienen am 11.01.2015; dx.