CARDIFF (BIERMANN) – Wie hoch der Faktor VIII-Spiegel eines hämophilen Patienten ist, der eine Prophylaxe erhält, hat viel mit der Halbwertszeit des Faktors VIII im jeweiligen Patienten zu tun und damit, wie oft und wann das Faktor VIII-Präparat gespritzt wird. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie von P. W. Collins vom Universitätsklinikum Wales in Cardiff und seinen Kollegen.

Ihre Daten implizierten nicht, dass eine Faktor VIII-Konzentration unter einer Internationalen Einheit (IE) pro Deziliter (dl-1) bei allen Patienten einen kritischen Wert darstellt, schreiben die Wissenschaftler. Sie sollten eher als Unterstützung der These interpretiert werden, dass je mehr Zeit ein Patient mit einer niedrigen Faktor VIII-Konzentration verbringt, sein Risiko für Blutungen umso höher ist. Gleichzeitig müsse aber anerkannt werden, dass dabei viele andere Faktoren eine Rolle spielen, wie körperliche Aktivität, Verletzungen und der Zustand seiner Gelenke.

"Das Konzept, dass die mit einer niedrigen Faktor VIII-Konzentration verbrachte Zeit das Risiko für Blutungen erhöht, bekräftigt die Routine-Empfehlung, die Prophylaxe am Morgen zu verabreichen, so dass die niedrigen Spiegel vor allem in der Nacht vor der nächsten Dosis auftreten", merkt das Team um Collins an.

"Die Patienten haben unterschiedliche Halbwertszeiten von Faktor VIII und das bedeutet, dass die Menge an Faktor VIII, um eine Mindestkonzentration aufrecht zu erhalten, die für ihre klinischen Umstände angemessen ist, ebenfalls merklich variieren wird", führen sie weiter aus. So gebe es zum Beispiel bei Erwachsenen, die jeden zweiten Tag behandelt werden, eine vorhergesagte zwölffache Differenz beim Faktor VIII-Bedarf zwischen jenen mit den längsten und jenen mit den kürzesten Halbwertszeiten.

"Dies legt nahe, dass die Kenntnis der Pharmakokinetik des individuellen Patienten potenziell bedeutsame Auswirkungen auf das Behandlungsregime haben wird und dass eine große Schwankung beim Faktor VIII-Bedarf zwischen verschiedenen Patienten erwartet werden muss."

Bei Patienten, die körperlich sehr aktiv sind oder die immer wieder unter Blutungen leiden, könnte sich nach der Schilderung von Collins und seinem Team das tägliche Spritzen von Faktor VIII anbieten, da auf diese Weise der Faktor VIII-Mindestwert erhöht wird, ohne den Verbrauch insgesamt zu steigern.

Ferner sprechen die Autoren die großen Unterschiede zwischen dem Stoffwechsel von Kindern und Erwachsenen an: Ursprünglich wurden die Standard-Prophylaxe-Regime für Kinder eingeführt. Doch die Berechnungen ihrer Studie zeigten, dass diese Regime nicht unbedingt für ältere Patienten geeignet sind.

Denn bereits mehrere Studien haben eine kürzere Halbwertszeit von Faktor VIII bei kleinen Kindern belegt, weshalb sie pro Kilogramm Körpergewicht mehr Faktor VIII benötigen als ältere Patienten. Um einen angestrebten Mindestwert bei durchschnittlichen 10-65-Jährigen zu erreichen, sei weniger als die Hälfte Faktor VIII/kg/Woche nötig als bei einem durchschnittlichen 1-6-Jährigen, schreiben die Forscher.

Die in der klinischen Praxis übliche Dosierung montags, mittwochs und freitags kann übrigens am Wochenende problematisch werden: Eine Studie an Erwachsenen habe gezeigt, dass 82,5 Prozent der Blutungen zwischen 48 und 72 Stunden nach der prophylaktischen Infusion auftraten, so Collins und sein Team. Die Steigerung der Dosis am Freitag sei zwar üblich, aber ihre Berechnungen zeigten, dass bei vielen Patienten – vor allem kleinen Kindern – potenziell gefährliche Dosen nötig wären, um einen messbaren Faktor VIII-Spiegel aufrecht zu erhalten.

Quelle: Journal of Thrombosis and Haemostasis 2010; 8 (2): 269-75