MEMPHIS (BIERMANN) – Eigentlich ging es bei der aktuellen Studie zu Gentherapie bei Hämophilie B vor allem um die Sicherheit, doch die an vier Patienten gewonnenen Ergebnisse klingen vielversprechend: Zunächst einmal konnten die Wissenschaftler keine Toxizität bei den vier Hämophilie-B-Patienten feststellen, die bislang in die Studie aufgenommen wurden. In der Phase-I/II-Studie wird ein Vektor (= Genfähre) untersucht, der am St. Jude Children's Research Hospital in Memphis und dem University College London entwickelt wird, um die erbliche Blutungsstörung zu korrigieren.

In dieser Studie sollte vor allem die Sicherheit von niedrigen und mittleren Dosen des Vektors getestet werden. Dabei gingen die Forscher davon aus, dass sie wenig nachweisbaren Faktor IX – der bei Hämophilie B knapp ist – produzieren würden.

Überraschenderweise wies der erste Teilnehmer nach der niedrigsten in dieser Studie getesteten Dosis einen unerwartet hohen Spiegel an Faktor-IX-Expression auf. Die Konzentrationen des Faktor-IX-Proteins stiegen nach der Infusion des experimentellen Vektors von weniger als ein Prozent auf zwei Prozent des normalen.

Die Faktor-IX-Produktion des Patienten blieb auch neun Monate später noch erhöht. Seit der Infusion des Vektors hat der Patient keine spontanen Blutungen mehr erlitten oder eine Prophylaxe benötigt.

Die Studiendaten wurden bei der 52. Jahrestagung der American Society of Hematology (ASH) von Erstautor Dr. Dr. Amit Nathwani vom UCL Department of Hematology vorgestellt. Dr. Andrew Davidoff, Chef des St. Jude Department of Surgery ist der Seniorautor.

Der untersuchte Vektor wurde erstellt, indem eine Version des Faktor-IX-Gens in ein Mitglied der Adeno-assozierten Virus (AAV)-Familie gepackt wurde, die als AAV8 bekannt ist. AAV8 wurde herausgepickt, da natürliche Infektionen mit AAV8 selten sind. Außerdem ist AAV8 – wie andere AAVs – auf Leberzellen gerichtet, integriert sich aber nicht in die DNS des Patienten.

Die Teilnehmer erhielten vor der Infusion des experimentellen Vektors keine Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken. Die bisherigen Ergebnisse lassen vermuten, dass der Vektor nicht die durch T-Zellen vermittelte Immunreaktion auslöst, die in einer früheren Gentherapie-Studie zu Hämophilie B beobachtet wurde.

Mitte Januar sollen der fünfte und der sechste Studienteilnehmer die dritte und höchste Dosis der neuen Gen-Vektor-Kombination erhalten. Danach werden die Wissenschaftler entscheiden, ob sie die Studie auf vier weitere Erwachsene mit schwerer Hämophilie B ausweiten werden.

Quelle: St. Jude Children's Research Hospital, 6. Dezember 2010