Nach einem Grundsatzurteil des Europäischen Gerichtshof (EuGH) kann ein Kassenpatient den Arzt seines Vertrauens in jedem Mitgliedsland der Europäischen Union konsultieren und sich behandeln lassen.

Die zuständige Krankenversicherung muss dabei nicht um Erlaubnis gefragt werden und die Versicherung ist gesetzlich verpflichtet, den Betrag, den eine gleichwertige Behandlung in Deutschland kosten würde, zu erstatten.

Weil Ärzte im Ausland privatärztliche Rechnungen ausstellen, können für einen "gesetzlich Versicherten" Kosten entstehen, die von der Krankenkasse nicht erstattet werden. Dies gilt auch für Verwaltungskosten aufgrund eines Arztbesuches im Ausland, die von der Krankenversicherung dem Beitragszahler in Rechnung gestellt werden. Ausserdem sollten die Patienten dafür sorgen, dass die Arztrechnung in deutscher Sprache verfasst ist.

Die "European Health Insurance Card (EHIC)" wird seit dem 1. Juli 2004 nach und nach eingeführt und ist in allen EU-Staaten sowie in Norwegen, Island und in der Schweiz gültig. Sie ersetzt unter anderem den Auslandskrankenschein (E 111). Von den deutschen Krankenkassen wird die Einführung der neuen EU-Karte unterschiedlich gehandhabt. Während einige die Karte bereits an ihre Versicherten ausgeben, nutzen andere Kassen die Übergangsmöglichkeiten. So bleiben alle bis Ende Mai 2004 ausgestellten Auslandskrankenscheine bis Ende 2004 gültig.

Generell gilt: In allen EU-Ländern, in denen es wie in Deutschland bereits eine Krankenversichertenkarte gibt, wird die Karte bis spätestens 2006 eingeführt. Ein gesetzlich Krankenversicherter muss dann nicht mehr für jeden Auslandsaufenthalt einen neuen Papiervordruck beantragen. Die neue Europäische Krankenversichertenkarte wird zusätzlich zur normalen Krankenversichertenkarte ausgegeben. Es gilt das auf der Karte aufgedruckte Gültigkeitsdatum.

Die Sueddeutsche Zeitung schrieb dazu am 18.8.2004:

Bescheid wissen, Vorteile nutzen: Arztbesuche im Ausland

Reiseziel Behandlungszimmer

Eine neue Regelung erlaubt gesetzlich Versicherten die freie Arztwahl in allen EU-Staaten / Experten raten, sich gut zu informieren

Von Nina Berendonk



Für die neue Zahnkrone nach Mallorca oder Ungarn und zur Nasen-Operation nach Tschechien – Medizintourismus ist längst kein neues Phänomen mehr. Gesetzlich Versicherte mussten die ausländischen Behandlungskosten bisher jedoch aus eigener Tasche bezahlen. Eine neue Regelung im Sozialgesetzbuch (SGB V, § 13 Abs. 4) erlaubt seit Anfang dieses Jahres bei ambulanten Behandlungen die freie Arztwahl in allen EU-Staaten.

Seit der EU-Erweiterung am 1. Mai können deutsche Patienten also auch in Polen, Slowenien, Malta und Zypern zum Zahnarzt gehen. Sie bekommen dafür genau den Anteil von der Krankenkasse erstattet, der für die gleiche Leistung in einer Praxis zuhause angefallen wäre. Bei Behandlungen mit einem hohen Eigenanteil lässt sich auf diese Weise unter Umständen viel Geld sparen. Allerdings raten Gesundheitsexperten, sich im Vorfeld sorgfältig zu informieren, um nicht am Ende draufzuzahlen.

Sind medizinische Leistungen im Ausland wirklich Schnäppchen?

In manchen EU-Staaten sind Arztbehandlungen bis zu 70 Prozent billiger als in Deutschland. Dabei haben sich die Mediziner bestimmter Länder in den vergangenen Jahren bereits auf bestimmte Gebiete spezialisiert: Einen guten Ruf haben die ungarischen Zahnmediziner; in Tschechien und Polen etwa boomen die Schönheitsoperationen. Beachten müssen Bundesbürger, dass sich die neue SGB-Regelung nur auf ambulante Behandlungen bezieht; stationäre Kuren, Schönheitsoperationen und Krankenhausaufenthalte sind in der Regel nicht abgedeckt. Es sei denn, man verunglückt im Ausland – zumindest in den meisten EU-Staaten ist dann die Behandlung im Krankenhaus über den Auslandskrankenschein abgesichert.

Bei welchen Behandlungen lohnt sich die Fahrt ins Ausland besonders?

Besonders viel sparen Versicherte im EU-Ausland bei Behandlungen mit einem hohen Eigenanteil, wie zum Beispiel beim Zahnersatz: Wer mit seinem Bonusheft keine regelmäßige Kontrolluntersuchungen nachweisen kann, zahlt in Deutschland seit der Gesundheitsreform 50 Prozent der Behandlungskosten. Wenn diese in einem anderen Land niedriger sind, fällt der Eigenanteil natürlich entsprechend kleiner aus. Sparen lässt sich durch die neue Regelung auch bei Hilfsmitteln, die die deutschen Kassen nicht mehr, nur noch teilweise oder mit einem Festanteil bezuschussen. Dazu gehören Brillen, Kontaktlinsen oder Hörgeräte.

Profitieren auch Privatversicherte von der neuen Regelung?

Das ist von Kasse zu Kasse verschieden: Privatversicherte sollten vor einer Behandlung klären, ob Auslandsbehandlungen abgedeckt sind.

Fallen außer dem Eigenanteil noch weitere Kosten an?

Die Krankenkassen stellen ihren Versicherten bei einer Behandlung in einem anderen EU-Staat zusätzlich einen so genannten Wirtschaftlichkeitsabschlag für den erhöhten Verwaltungsaufwand – im Durchschnitt sind das fünf bis 7,5 Prozent des Gesamtbetrages – und die in Deutschland fällige Praxisgebühr in Rechnung.

Was macht die Behandlung im Ausland so preiswert?

Nicht notwendigerweise die schlechtere Ausbildung der ausländischen Ärzte: Ungarische Zahnmediziner genießen beispielsweise einen ebenso guten Ruf wie ihre deutschen Kollegen. Es ist das niedrigere Lohnniveau, das den Preisunterschied bedingt. Laut Otmar Kloiber, stellvertretender Geschäftsführer der Bundesärztekammer, macht die Arbeitsleistung 65 bis 75 Prozent der Behandlungskosten aus. Es sei jedoch zu erwarten, dass sich die Höhe der Löhne in den nächsten Jahren an das deutsche Niveau angleichen werde.

Wie kommen Versicherte an vertrauenswürdige Ärzte?

Nach Angaben des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) gibt es keine offiziellen Empfehlungslisten. Die Arztwahl bleibe Vertrauenssache; am besten sei es, sich nach Tipps von Freunden und Bekannten zu richten – das gelte im Ausland ebenso wie in Deutschland.

Wie geht man weiter vor, wenn man einen Arzt gefunden hat?

Formal ist für eine Behandlung im Ausland keine Genehmigung von der Krankenkasse nötig. Es wird jedoch empfohlen, sich vom ausländischen Arzt zunächst einen Heil- und Kostenplan aufstellen zu lassen. Diesen sollte man von der Kasse genehmigen lassen und sich erkundigen, wie viel davon übernommen wird – in der Regel ist es genau der gleiche Anteil wie bei einer Behandlung in Deutschland. Die Rechnung bezahlt der Patient zunächst aus eigener Tasche und stellt dann einen Antrag auf Kostenerstattung bei seiner Krankenkasse.

Gibt es Kriterien, anhand derer sich die Kompetenz eines ausländischen Arztes überprüfen lässt?

Eigentlich nicht. Patienten, die genug von Medizin verstehen, können versuchen, vor der Behandlung die angewandten Methoden zu besprechen – sofern man sich in der Landessprache verständigen kann oder der Arzt Deutsch oder Englisch spricht. Wer etwa bei Zahnbehandlungen Wert auf die Verwendung von Materialien legt, die den EU-Normen entsprechen, sollte sich ebenfalls rechtzeitig danach erkundigen – in der Regel ist dies jedoch gewährleistet. Auf jeden Fall sinnvoll ist es, sich nach Garantiebestimmungen und Kooperationspartnern in Deutschland zu erkundigen, die – zum Beispiel beim Zahnersatz – kostenfrei Mängel beseitigen.

Was können Nachteile einer Behandlung im Ausland sein?

Patienten in Deutschland genießen bei Arztbesuchen einen vergleichsweise hohen Gewährleistungsschutz: Im Falle eines Behandlungsfehlers können Schlichtungs- und Aufklärungsgremien eingeschaltet werden, die etwa kostenlose Gutachten erstellen. Eine EU-weite Regelung für ärztliche Haftungsfragen gibt es jedoch nicht, in jedem Land sind die Gewährleistungsansprüche anders. Geht bei einer Behandlung im Ausland etwas schief, ist es aufwändiger, zu seinem Recht zu kommen: Gutachten müssen in die Landessprache übersetzt werden; eventuell fallen weitere Reisen zu Nachbehandlungen oder gar Gerichtsprozessen an, bei denen man die Hilfe eines Dolmetschers benötigt. "In diesem Fall wird das scheinbare Schnäppchen schnell teurer als ein Arztbesuch in Deutschland", so VdAK-Sprecher Marin Plass.

Zum Arzt ins EU-Ausland – ja oder nein?

Wer in Grenznähe wohnt, die Landessprache beherrscht oder eine verlässliche Empfehlung hat, für den kann sich die Fahrt über die Grenze tatsächlich lohnen. Allen anderen rät etwa die Verbraucherzentrale Bayern zur Vorsicht.

Quelle: SZ  18.08.2004