Dabei bildet die hohe Sicherheit der rekombinanten Präparate die Basis für den heutigen guten Therapiestandard. Die Faktor VIII-Substitution kann mit der Entstehung von Inhibitoren einhergehen. Die Inhibitor-Inzidenz von rekombinanten Präparaten ist vergleichbar mit der Inzidenz unter plasmatischen Faktor VIII-Präparaten – auch ein Faktor VIII-Konzentratwechsel verursacht keine vermehrte Inhibitorenbildung.
"Das Therapieziel ist die frühzeitige Prophylaxe von Spontanblutungen", sagte Dr. Kathelijn Fischer, Utrecht/Niederlande.

Denn je früher ein hämophiles Kind Faktor VIII erhält, desto seltener erleidet es Gelenkblutungen, die irreversible Arthropathien hervorrufen können. Da die Hälfte der Kinder in den ersten beiden Lebensjahren bereits Blutungen erleidet, sollte die Behandlung im Alter von ein bis zwei Jahren beginnen, berichtete Fischer. Sie hat die Handhabung der Prophylaxe am Utrechter Zentrum in den Jahren 1980, 1990 und 2000 an drei Patientengruppen im Alter von jeweils 15 bis 20 Jahren untersucht und dabei mehrere Veränderungen beschrieben: So nahm in diesem Zeitraum der Anteil an Prophylaxe kontinuierlich zu und dementsprechend reduzierte sich die Anzahl an Gelenkblutungen/Jahr. Neben dem frühzeitigen Prophylaxebeginn empfiehlt Fisher die verstärkte Individualisierung hinsichtlich Dosierung und Häufigkeit.

Deutschland liegt beim Einsatz von rekombinantem Faktor VIII im Vergleich zu anderen EU-Ländern hinten, berichtete Dr. Robert Klamroth vom Hämophiliezentrum Berlin. Während zum Beispiel in Dänemark und Irland bereits 2003 rund 90 Prozent der eingesetzten Faktor VIII-Präparate rekombinante Präparate waren, liegt der Anteil in Deutschland bei zirka 50 Prozent. Nationale Empfehlungen zur Verwendung rekombinanter Konzentrate, wie sie etwa in Schweden und den Niederlanden für Kinder und in Frankreich für bisher unbehandelte Patienten existieren, gibt es hierzulande nicht. Seit Jahren ist auch kein Trend erkennbar, dass der Verbrauch an rekombinantem Faktor VIII-Präparaten in Deutschland ansteigt. Eine EU-Empfehlung bzw. Leitlinie zur Optimierung der Faktor VIII-Therapie wäre ein wichtiger erster Schritt, sagte Dr. Klamroth.

Als die Behandlung der Hämophilie mit Plasmaprodukten ihren Anfang nahm, schwebte jahrzehntelang das Damoklesschwert der transfusionsbedingten Infektionen über den Patienten. Allein in den Vereinigten Staaten starben bisher über 3.000 in den frühen 80er Jahren infizierte Hämophile an HIV/Aids. Heute hat sich die Situation geändert: Dank hoher Sicherheitsstandards insbesondere bei den rekombinanten Präparaten wie gelten diese als sehr sicher. Im Blickpunkt steht heute die Entwicklung von Antikörpern gegen Faktor VIII, berichtete Dr. Charles Hay von der Universität Manchester/UK. Insgesamt entwickelten in einer kumulativen Studie aus Großbritannien 2,4 Prozent von 1.306 erfassten Patienten Inhibitoren gegen Faktor VIII und lassen daher keine zuverlässige Aussage zum relativen Risiko für das Auftreten von Inhibitoren zu. Die FDA schlägt neuerdings vor, die Immunogenität von Faktorkonzentraten auf Basis von Intention-to-treat-Analysen an vorbehandelten Patienten zu beurteilen.

Auf ein grundsätzliches Problem bei der Erfassung von Inhibitoren wies Dr. Bert Verbruggen, Nijmegen/Niederlande, hin. Die schlechte Sensitivität gängiger Inhibitor-Assays – insbesondere des Bethesda-Tests – sowie große Abweichungen zwischen den Labors und die mangelnde Standardisierung der Messung erschweren die Beurteilung beim Auftreten von Inhibitoren.

Das Risiko beim Wechsel des Konzentrats zum Beispiel von einem plasmatischen auf ein rekombinantes Produkt wird eher überschätzt. Prof. Pier M. Manucci, Mailand/Italien, zeigte dies anhand von Daten aus der kanadischen Switch-Studie. Darin waren 817 Patienten ein bis zwei Jahre nach der Umstellung auf ein rekombinantes Faktor VIII-Konzentrat beobachtet worden. Die Inhibitorinzidenz betrug auch hier zwei bis drei Prozent. Das bedeutet: Eine Umstellung auf die modernen rekombinanten Präparate ist für den Patienten bei höherer infektiologischer Sicherheit risikoneutral bezüglich Inhibitoren.

Source: http://www.journalmed.de/newsview.php?id=9381