MARSEILLE (BIERMANN) – Die Bildung von Antikörpern gegen Faktor VIII oder Faktor IX , die eine Ersatztherapie hemmen, ist derzeit die schwerste mit der Behandlung verbundene Komplikation, mit der sich Hämophilie-Patienten konfrontiert sehen. Diese Übersichtsarbeit von Prof. Hervé Chambost von der Université de la Méditerranée, Marseille, beleuchtet die veränderbaren und die nicht veränderbaren Risikofaktoren, die über die Entwicklung dieser Antikörper entscheiden.

Zu den nicht veränderbaren Risikofaktoren gehören der Genotyp des Patienten für Hämophilie, der Immungenotyp, die ethnische Zugehörigkeit und eine positive Familienanamnese, also bereits zuvor in der Familie aufgetretene Inhibitoren.

Bekannt ist, dass so genannte Nullmutationen, die zu defekten Proteinen führen, zu einer Frequenz von Inhibitoren zwischen 21 und 88 Prozent bei Hämophilie A und zwischen 6 und 60 Prozent bei Hämophilie B führt. Bei weniger gravierenden Mutationen liegt die Häufigkeit hingegen bei unter zehn Prozent. Daten aus Studien an Brüdern deuten zudem darauf hin, dass auch Fehler in den Genen für andere Proteine beim Inhibitor-Risiko eine Rolle spielen.

Alter, Intensität der Behandlung und der Typ des verabreichten Gerinnungsfaktors stellen hingegen veränderbare Risikofaktoren dar. Diese Risikofaktoren werden vermutlich in anstehenden kontrollierten Studien und mit Hilfe aktueller Patientenregister genauer charakterisiert werden.

Zunächst hatte es so ausgesehen, als würde eine sehr frühe Behandlung mit Faktor VIII das Risiko für Inhibitoren erhöhen. In der Folge kristallisierte sich jedoch heraus, dass die Intensität der Behandlung offenbar dabei eine Rolle spielt.

So gibt es den Begriff des "Gefahrensignals": Das bedeutet, dass der Körper alarmiert auf Faktor VIII reagiert und dagegen Inhibitoren produziert, wenn er erstmals in einer für ihn kritischen Situation (etwa bei einer Blutung, Operation, etc.) mit Faktor VIII in Kontakt kommt. Daher könnte eine frühe Prophylaxe das Risiko für Hemmkörper reduzieren.

Wenn ein vollständigeres Bild des Risikoprofils eines Patienten insgesamt vorliegt, können möglicherweise individuell zugeschnittene Behandlungsansätze einwickelt werden, die die Häufigkeit der Hemmkörper-Bildung minimieren und damit den therapeutischen Nutzen maximieren, hofft Chambost.

Quelle: Haemophilia. 2010 Mar;16 Suppl 2:10-5.