UTRECHT (Biermann) – Weltweit steigen die Zahlen der fettleibigen Menschen. Auch Menschen mit Hämophilie bleiben von diesem unerfreulichen Trend nicht verschont. Aus diesem Grund untersuchte ein Team um Dr. Attie Tuinenburg vom Universitair Medisch Centrum Utrecht die Wirkung von Adipositas auf die Blutungshäufigkeit und den Verbrauch von Gerinnungsfaktorkonzentrat. Außerdem beurteilten die Wissenschaftler, ob prothrombotische Veränderungen, die bei Fettleibigkeit beobachtet werden, sich zwischen Kontrollpersonen und hämophilen Menschen unterscheiden.

Dazu verglichen sie die Zahl der Blutungen und den Verbrauch von Gerinnungsfaktorkonzentrat zwischen 51 adipösen und 46 nicht adipösen Patienten mit Hämophilie A. Außerdem untersuchten sie potenzielle Unterschiede bei Markern für die Blutstillung und die Fibrinolyse (= die körpereigene Auflösung eines Blutgerinnsels) zwischen den hämophilen Patienten und 91 nicht hämophilen Kontrollpersonen, die jeweils passenden Alters und Geschlechts waren und einen ähnlichen Body Mass Index (BMI) aufwiesen.

Die Auswertung ergab, dass die mittlere Zahl der Blutungen pro „Patienten-Monat“ zwischen adipösen und nicht adipösen Personen mit schwerer Hämophilie gleich war. Adipöse Patienten mit schwerer Hämophilie setzten 1,4-mal mehr Gerinnungsfaktorkonzentrat pro Patienten-Monat ein als nicht adipöse Patienten. Wurde das Körpergewicht aus dieser Auswertung sozusagen herausgerechnet, verschwand dieser Unterschied.

Die Plasmakonzentration des Von-Willebrand-Faktors, die Faktor-VIII-Aktivität und das endogene Thrombinpotenzial (ein Gerinnungstest) waren bei den adipösen Kontrollpersonen höher als bei den nicht adipösen. Bei den hämophilen Patienten beeinflusste die Fettleibigkeit diese Marker nicht.

Die Spiegel des für die Blutgerinnung wichtigen Proteins „Plasminogen-Aktivator-Inhibitor Typ 1“ waren bei adipösen Hämophilie-Patienten höher als bei nicht adipösen, während die Spiegel zwischen Personen mit Hämophilie und den Kontrollpersonen vergleichbar waren.

Die Konzentrationen des Plasmin-α2-Antiplasmin-Komplexes (PAP) – eines Indikators für die Fibrinolyse – schienen bei adipösen Personen niedriger zu sein als bei nicht adipösen. Dies galt sowohl für die Kontrollpersonen als auch für die hämophilen Patienten. Hingegen waren die PAP-Spiegel bei den hämophilen Patienten höher als bei den Kontrollpersonen.

Das Fazit von Tuinenburgs Team: Adipositas geht mit einem Anstieg des Netto-Verbrauchs an Gerinnungsfaktorkonzentrat einher, wirkt sich aber nicht auf die Blutungshäufigkeit aus. Zudem schwächt Adipositas die übermäßige Fibrinolyse bei hämophilen Menschen ab. Es seien weitere Studien nötig, um zu untersuchen, ob fettleibige Hämophilie-Patienten eine Therapie mit Gerinnungsfaktorkonzentrat benötigen, die nach dem Gewicht dosiert ist, oder ob eine niedrigere Dosis ausreichen würde, um Blutungen vorzubeugen und sie zu behandeln.

Quelle: Haemophilia 2013; online erschienen am 10. Mai; dx.doi.org/10.1111/hae.12182