Prophylaxe – auch im Alter ein Thema

Prophylaxe – auch im Alter ein Thema

26.05.15

Arthropathie, Faktor VIII, Prophylaxe, Rekombinante Produkte

VANCOUVER (Biermann) – Für hämophile Jungen in Industrienationen hat sich glücklicherweise die Prophylaxe zum Versorgungsstandard entwickelt. Bei älteren hämophilen Männern, die bereits unter Arthropathie leiden, ist die Prophylaxe hingegen in der Regel nicht zur Anwendung gekommen, da in ihrer Jugend nicht ausreichend sichere Faktor-VIII-Konzentrate zur Verfügung standen.

Bei der Prophylaxe werden mittlerweile drei verschiedene Formen unterschieden: Primär-, Sekundär- und Tertiärprophylaxe. Wird die Prophylaxe begonnen, bevor eine Erkrankung von Knochen und Knorpeln dokumentiert ist und bevor die zweite klinisch offenkundige, große Gelenkblutung auftritt, spricht man von „Primärprophylaxe“. Zu den gut belegten Vorteilen zählen eine Senkung der Spontanblutungen in Gelenke und Muskeln, die Prävention oder Verlangsamung der Hämophilie-bedingten Gelenkerkrankung (Arthropathie), reduzierte Raten an Einweisungen ins Krankenhaus und Dauer der Klinikaufenthalte, verbesserte Leistungen in der Schule und eine bessere Lebensqualität.

Dank der frühen Prophylaxe können hämophile Jungen in Industrienationen mit erheblich weniger hämophiler Arthropathie und Behinderung leben als frühere Generationen. Wie Wissenschaftler um Shannon C. Jackson von der University of British Columbia in Vancouver schildern, müssen hingegen in Kanada Patienten mit mittelschwerer oder schwerer Hämophilie A, die älter als 40 Jahre sind, oft aufgrund wiederholter Gelenkblutungen mit einer signifikanten Gelenkerkrankung leben, da die Prophylaxe erst verfügbar war, als sie schon erwachsen waren.

Die Prophylaxe bei Erwachsenen wurde zumeist erst nach 1987 begonnen, als virusinaktivierte Plasmaprodukte, gefolgt von rekombinanten Faktorkonzentraten, verfügbar wurden. Dies stellte sowohl den Schutz vor durch Blut übertragenen Infektionen als auch den Nachschub sicher.

Mit zunehmendem Einsatz der Prophylaxe sind neue Definitionen entstanden, die zwei Formen der Prophylaxe beschreiben, welche sich von der Primärprophylaxe unterscheiden. Mit „Sekundärprophylaxe“ (zuvor „frühe Sekundärprophylaxe“ genannt) bezeichnen Mediziner die regelmäßige kontinuierliche Behandlung, die nach zwei oder mehr Gelenkblutungen begonnen wird – aber bevor eine Gelenkerkrankung durch körperliche Untersuchung oder Bildgebungsstudien nachgewiesen wird. Als „Tertiärprophylaxe“ (zuvor „späte Sekundärprophylaxe“ genannt) wird diese Prophylaxeform bezeichnet, wenn bereits eine Gelenkerkrankung eingesetzt hat.

Aktuelle Evidenz spricht dafür, dass – trotz bestehender Gelenkarthropathie – die Tertiärprophylaxe Erwachsenen zum Vorteil gereicht, und zwar in Form einer reduzierten Jahresrate an Blutungen, weniger verpassten Tagen in der Schule/am Arbeitsplatz und einer verbesserten Lebensqualität.

Im Jahr 2006 kam eine Befragung in Kanada zu dem Schluss, dass 55 Prozent der Erwachsenen mit schwerer Hämophilie A ab 18 Jahren – darunter 40 Prozent derjenigen über 50 Jahren –  prophylaktisch behandelt wurden.

Die Hypothese von Jackson und ihren Kollegen: Der Einsatz der Prophylaxe nimmt in beiden Altersgruppen zu. In einer multizentrischen Beobachtungsstudie untersuchten die Wissenschaftler, wie die Sekundär- oder Tertiärprophylaxe von älteren Erwachsenen (≥40 Jahre) im Vergleich zu jüngeren Männern mit schwerer Hämophilie A eingesetzt wird.

In ihre Studie bezogen Jackson und ihre Kollegen kanadische Männer ab 18 Jahren ein, deren Faktor-VIII-Aktivität (FVIII:C) eingangs ≤2% betrug. Die Studienteilnehmer entstammten den teilnehmenden Zentren und wurden zwei Jahre lang beobachtet.

Wie die Ergebnisse zeigen, nutzten von den 220 schwer hämophilen Studienteilnehmern 155 (70%) während des Beobachtungszeitraums die Prophylaxe. Lediglich 60 (27%) seien ältere Erwachsene gewesen, darunter nur sehr wenige über 60 Jahre, berichten die Forscher.
Sie stellten fest, dass von den älteren Erwachsenen ein geringerer Anteil die Prophylaxe nutzte, verglichen mit jüngeren Erwachsenen (58% vs. 75%).

Ein weiteres Ergebnis war, dass die meisten Patienten in beiden Gruppen die kontinuierliche Prophylaxe nutzten (92 respektive 94%). Wurden alle Behandlungsmodalitäten zusammen betrachtet, verbrauchten jüngere Studienteilnehmer mehr Faktorkonzentrat als ältere Männer  (2437 Einheiten Faktor VIII/kg/Jahr vs. 1702 Einheiten Faktor VIII/kg/Jahr).

Während jedoch ältere Männer unter einer Prophylaxe 3447 Einheiten Faktor VIII/kg/Jahr brauchten und eine Jahresrate an Blutungen von 12 hatten, benötigten jene mit Bedarfsbehandlung 560 Einheiten Faktor VIII/kg/Jahr und hatten eine Jahresrate an Blutungen von 13.

„Eine signifikante Zahl älterer Erwachsener nutzt die Sekundär- oder Tertiärprophylaxe in Kanada. Damit geht ein bedeutsamer Teil des Verbrauchs an Faktorkonzentrat auf ihr Konto“, so die Schlussfolgerung der Autoren.

Quelle: BMC Hematology 2015, 15:4; doi: 10.1186/s12878-015-0022-8
http://www.biomedcentral.com/2052-1839/15/4