Gentherapie erleichtert sicher und auf lange Sicht das Leben mit schwerer Hämophilie B

Gentherapie erleichtert sicher und auf lange Sicht das Leben mit schwerer Hämophilie B

16.01.15

Faktor IX, Hämophilie B, Operation, Sport

LONDON/MEMPHIS (Biermann) – Eine neu entwickelte Gen-Therapie lindert bei Männern mit Hämophilie B die Erkrankung  zuverlässig und ermöglicht ihnen einen aktiveren Lebensstil, so das Ergebnis einer neuen Studie. An der Entwicklung waren das St. Jude Children’s Research Hospital in Memphis, das University College London (UCL) und das Londoner Royal Free Hospital beteiligt. Die Ergebnisse der aktuellen Studie sind am 20. November 2014 in der Fachzeitschrift „The New England Journal of Medicine” erschienen.

In dieser Studie erhielten die Teilnehmer eine von drei Dosen einer Gentherapie, die den modifizierten Adeno-assoziierten Virus (AAV) als Vehikel (Vektor) einsetzte, um das genetische Material zur Herstellung von Faktor IX in den menschlichen Organismus einzubringen. Der Vektor wurde als einzelne Infusion in eine Vene am Arm jedes Teilnehmers verabreicht.

Die Faktor-IX-Spiegel stiegen bei allen zehn Männern mit schwerer Hämophilie B infolge der Gentherapie und sind seit mehr als vier Jahren stabil geblieben. Insgesamt sind die Episoden spontaner Blutungen um 90 Prozent zurückgegangen. Auch die Nutzung der Faktor-IX-Ersatztherapie ging in den ersten zwölf Monaten nach der experimentellen Therapie um 92 Prozent zurück.

Bei den sechs Teilnehmern mit der höchsten Gentherapie-Dosis stiegen die Faktor-IX-Spiegel von weniger als ein Prozent auf fünf Prozent oder mehr. Der Anstieg verwandelte ihre Erkrankung von einer schweren in eine leichte Form und ermöglichte die Teilnahme an Sportarten wie Fußball, ohne dass eine Faktor-IX-Ersatztherapie nötig war oder das Blutungsrisiko anstieg. Bei diesen Patienten sanken die Episoden spontaner Blutungen und der Gebrauch der Faktor-IX-Ersatztherapie um mehr als 94 Prozent in den nachfolgenden zwölf Monaten.

Die Leberenzyme stiegen bei vier der sechs Patienten mit der höchsten Dosis, möglicherweise aufgrund einer Immunreaktion gegen den Vektor. Die Männer hatten keine klinischen Symptome und blieben ansonsten gesund. Nach einer kurzen Behandlung mit Kortison gingen ihre Leberenzyme in den normalen Bereich zurück.

„Diese Studie liefert die erste eindeutige Demonstration der langfristigen Sicherheit und Effektivität der Gentherapie”, sagte Seniorautor Dr. Andrew Davidoff.

Erstautor Dr. Amit Nathwani fügte hinzu: „Die Daten, die wir vorstellen, markieren einen Paradigmenwechsel in der Behandlung der Hämophile und legen den Grundstein für die Heilung dieser schweren Blutungsstörung. Die Ergebnisse liefern zudem eine solide Plattform für die Entwicklung dieses Gentherapie-Ansatzes für die Behandlung anderer Erkrankungen von angeborenen Gerinnungsfaktormängeln wie Hämophilie A bis hin zu angeborenen Stoffwechseldefekten wie Phenylketonurie.“

Vor der Gentherapie infundierten sieben der zehn Männer mindestens einmal pro Woche Faktor-IX-Ersatzkonzentrat, um Blutungen vorzubeugen; die anderen behandelten bei Bedarf oder vor Operationen.

Seit ihrem Einstieg in die Studie beendeten vier der sieben Männer die routinemäßigen Faktor-IX-Injektionen. Trotz erhöhter körperlicher Aktivität hat keiner von ihnen spontane Blutungen erlitten.

Faktor IX wird normalerweise von Leberzellen produziert. AAV8 wurde als Vektor gewählt, da der Virus Leberzellen infiziert, aber bei Menschen keine Erkrankung auslöst oder sich in menschliche DNA integriert.  Zwölf Männer nehmen nun an der laufenden Phase-I/II-Phase zur Überprüfung der Sicherheit und Wirksamkeit teil. Es wird darüber diskutiert, ob die Studie auch jüngere Patienten mit Hämophilie B einschließen soll. In der Zwischenzeit wird weiter daran gearbeitet, den Einsatz des Vektors zu verbessern und auf die Behandlung der Hämophilie A auszuweiten.

Quelle: St. Jude Children’s Research Hospital, 19. November 2014; www.nejm.org