Aerobes Training tendenziell eher vorteilhaft für die Blutstillung

Aerobes Training tendenziell eher vorteilhaft für die Blutstillung

29.03.16

Faktor VIII, Hämophilie A, Prophylaxe, Sport

MONTRÉAL/COLUMBUS (Biermann) – Wie wirkt sich aerobes Training auf die Blutstillung bei Hämophilie aus? Dieser Frage gingen zwei kleine aktuelle Studien jetzt nach.

Wie lange Faktor VIII (FVIII) bei Menschen mit schwerer Hämophilie nach der Infusion aktiv ist – gemessen in Form der Halbwertszeit – kann von Faktoren wie der Blutgruppe, dem Alter oder den Konzentrationen des Von-Willebrand-Faktors (VWF), einem Schutz- und Trägerprotein von FVIII, abhängen.

Ob sich die sogenannte  Pharmakokinetik von FVIII – die Gesamtheit aller Prozesse, denen FVIII im Körper unterliegt – während des Sporttreibens anders darstellt als im Ruhezustand,  ist jedoch noch nicht gut untersucht worden.

Daher bezogen Wissenschaftler um Nichan Zourikian vom Centre d’hémostase pédiatrique et adulte du CHU Sainte-Justine, Montréal (Kanada), 12 junge Erwachsene mit einer häufig vorkommenden  Mutation – einer  Inversion im Intron-22 des FVIII-Gens – in eine Pilotstudie zu dieser Fragestellung ein. Die jungen Männer befanden sich unter einer relativ niedrig dosierten FVIII-Prophylaxe und der Zustand ihrer Muskeln und Gelenke war relativ gut.

Die Forscher verglichen die Pharmakokinetik von FVIII und die Spiegel des VWF-Antigens (VWF:Ag), mit dem die Konzentration von VWF bestimmt wird, in Ruhe und während einer Trainingsstunde (jeweils 2×15 min auf dem Standfahrrad oder auf dem Laufband bei moderater Intensität). Eingangs wurde eine Blutprobe genommen und die übliche Prophylaxe-Dosis FVIII infundiert. Im Verlauf der folgenden 24 h wurden dann 6 Blutproben entnommen.

Bei allen Probanden veränderte sich die mittlere Halbwertszeit des infundierten FVIII mit dem Training nicht signifikant, verglichen mit dem Ruhezustand (577 ± 190 vs. 614 ± 163 min; P = 0,4131). VWF:Ag stieg durch das Training für sechs bis acht Stunden um 40 bis 50 Prozent an (P < 0,01), vor allem bei Patienten, die nicht die Blutgruppe 0 hatten. Muskel- und Gelenkblutungen seien während der Studie nicht aufgetreten, schreibt das Team.

Die Ergebnisse dieser kleinen Pilotstudie zeigen also keine Anzeichen dafür, dass bei jungen, schwer hämophilen Männern, deren Muskeln und Gelenke in gutem Zustand sind, FVIII durch moderates aerobes Training beschleunigt abgebaut wird oder die Gefahr von Blutungen in Muskeln oder Gelenke besteht.

Die andere Studie untersuchte den Einfluss aeroben Trainings auf die Laboruntersuchungen der Gerinnungsaktivität bei Jungen (5-18 Jahre) mit Hämophilie A  oder B. Hierbei wurde die Hypothese überprüft, ob sich die im Labor gemessenen Gerinnungsparameter zeitweise mit dem  Training verbessern.

Dreißig Jungen – 19 mit Hämophilie A und 11 mit Hämophilie B – erfüllten die Eignungskriterien (19 HA; 11 HB; Durchschnittsalter 12,8 Jahre). Sie unterzogen sich in Bezug auf den jeweils zu ersetzenden Faktor einer sogenannten Auswaschphase und wurden gebeten, sich drei Tage vor der geplanten Maßnahme körperlich nicht großartig anzustrengen.

Vor dem Training auf dem Standfahrrad wurden Blutproben genommen. Dann sollten die Jungen so intensiv in die Pedale treten, dass sie drei Minuten lang  85 Prozent ihrer vorhergesagten maximalen Herzfrequenz erreichten. Fünf bzw. sechzig  Minuten danach wurden Blutproben genommen, die als Zeitpunkte t5 und t60 bezeichnet wurden.

Diese Proben wurden hinsichtlich der Thrombozytenzahl, der Faktor-VIII-Aktivität, des VWF-Antigens sowie der Ristocetin-Kofaktor-Aktivität beurteilt und die Thrombozytenfunktion wurde analysiert. Außerdem maßen die Forscher die maximale Rate des Thrombuswachstums im Blut per Thrombelastographie und die maximale Rate der Thrombingenerierung im Plasma per kalibrierter automatisierter Thrombographie.

Im Schnitt traten die Jungen 13,9 (± 2,6) Minuten lang in die Pedale. Im Mittel zeigten die t5-Proben gegenüber den Ausgangsproben eine signifikante Erhöhung von Thrombozytenzahl, Faktor-VIII-Aktivität, VWF-Antigen, Ristocetin-Kofaktor-Aktivität und der maximalen Rate der Thrombingenerierung im Plasma. In den nach 60 Minuten genommenen Proben waren die Faktor-VIII-Aktivität, das Von-Willebrand-Antigen, die Ristocetin-Kofaktor-Aktivität und die maximale Rate des Thrombuswachstums  signifikant erhöht.

Unter den Studienteilnehmern zeigten die Jungen mit schwerer Hämophilie A keine Veränderung der Faktor-VIII-Aktivität durch das Training. Die größte Verbesserung bei den Parametern der Blutgerinnung wurde bei fast erwachsenen Jungen mit leichter bis mittelschwerer Hämophilie A beobachtet. Diese stellen nach Ansicht der Wissenschaftler um Dr. Riten Kumar vom Nationwide Children’s Hospital in Columbus, Ohio, somit die Gruppe dar, die am ehesten von einer Senkung des Blutungsrisikos durch das Training profitieren könnte.

Quelle: Haemophilia, 14.03.2016; dx.doi.org/10.1111/hae.12869 und Thromb Haemost. 2016 Feb 25;115(6). [Epub ahead of print]; dx.doi.org/10.1160/TH15-09-0757