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07.03.2008
Wo Informationen sicher ruhen - Archivierung unter Tage
Archivierung unter Tage
Wir leben in einer Informationsgesellschaft, jeden Tag werden mehr Daten verarbeitet und gespeichert als früher in Jahrtausenden. Vieles ist nur kurz von Bedeutung, doch die wichtigen Elemente wie Kulturschätze oder Aufzeichnungen über Erfindungen und Technologien sollen nach Möglichkeit nie verloren gehen. Doch das ist leichter gesagt als getan.
Leser des gallischen Schlaumeiers Asterix kennen die Szene: wann immer die römische Bürokratie ins Spiel kommt, werden Marmortafeln gemeißelt, geschleppt und gestapelt. Und Albert Uderzo, der Asterix-Zeichner, liegt nicht einmal falsch. Die sumerische Keilschrift ist die älteste Schriftform. Sie entstand etwa um 3500 v. Chr. im Reich Sumer in Mesopotamien und konnte ihre Vormachtstellung bis ca. 1800 v. Chr. halten. Stein und Ton dienten dabei als Schreibmaterial. Eine viele Kilogramm schwere Steinplatte als DIN A4 Ersatz - wie rückständig. Das mag bei den Sumerern noch passen, doch mangelnde Alternativen kann man nicht allein dafür verantwortlich machen. Auch in "neuerer Zeit" kam das schwer gewichtige Material als Notizblock zum Einsatz. In der Nähe von Peking wurden Mitte des letzten Jahrhunderts etwa 15.000 Steintafeln gefunden. Mönche eines Klosters hatten um 616 nach Christus damit begonnen, Pergamentrollen und andere Aufzeichnungen auf Stein zu übertragen. Mehr als fünfhundert Jahre lang vertrauten sie die Texte den Tafeln an, und das obwohl Papier in China bereits um 105 n. Chr. erfunden und seitdem in vielen Bereichen des täglichen Lebens genutzt wurde. Der Grund für die schweißtreibende Fleißarbeit: Die Mönche rechneten mit dem baldigen Weltuntergang und wollten die Aufzeichnungen auf ein möglichst sicheres Medium übertragen.
Nichts ist für die Ewigkeit
Das Lächeln über die ach so rückständigen Römer, Sumerer und Chinesen könnte uns bald vergehen, denn trotz allem technologischen Fortschritt steht die Menschheit vor weitgehend ungelösten Problemen, wenn es um die Langzeitarchivierung von Informationen geht. Papier aus den Anfängen der industriellen Herstellung enthielt einen hohen Säureanteil, der die Aufzeichnungen mit einer Art Selbsterstörungsmechanismus versah. Werden solche Papiersorten nicht chemisch neutralisiert, zerfallen die Blätter nach einiger Zeit zu Krümeln. 50 bis 80 Jahre ist die maximale Lebenserwartung. Auch hier waren unsere Vorfahren, wenn auch unabsichtlich, schlauer. Papier aus den Jahren vor 1800 ist erheblich stabiler als Papier aus dem 19. Jahrhundert. Baumwolle, Leinen oder Hanf - es gab schlichtweg nichts anderes - waren damals Grundmaterial für die Herstellung von Papier. Die Pflanzenfasern wurden chemisch nur wenig beeinträchtigt, Stabilität und Festigkeit sind daher höher als beim industriell gefertigten Papier. Anders bei den moderneren Papiervarianten, die Holz bzw. Zellstoff als Basis haben. Dieses, als Typ II bezeichnete Material, enthält allerlei natürliche Bestandteile und künstliche Beimengungen, die seiner Haltbarkeit nicht unbedingt förderlich sind. Sie sind Hauptproblem bei der Erhaltung von Papierdokumenten in historischen Sammlungen. Pergament und getrocknete Häute hielten deutlich länger, bei halbwegs vernünftiger Lagerung. Tausende von Jahren wie 2200 Jahre alte Ziegenhäute aus Spanien beweisen. Wenn, ja wenn sie nicht anderen Umwelteinflüssen zum Opfer fielen: Zwei Mal brannte die Bibliothek von Alexandria ab. In den Flammen gingen fast 750.000 Manuskripte der berühmtesten Bibliothek der Antike verloren. Erst vor ein paar Jahren, 2004, zerstörte ein Feuer Teile der Sammlung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar.
Und heute? Die durchschnittliche Lebensdauer von Magnetbändern, mit das meist verwendete Medium für die Speicherung digitaler Daten, liegt im Bereich weniger Jahrzehnte. Bandmaterial des amerikanischen Raumfahrtprogramms ist bereits angegriffen und zum Teil zerstört. Dabei verlieren sie ihre Informationen noch nicht einmal, weil die Magnetstärke nachlässt, mit der die Einsen und Nullen auf dem Band gespeichert sind. Die eigentliche Gefahr sind chemische Prozesse im Trägermaterial und seiner Beschichtung. Alte Magnetbänder bestehen entweder aus PVC oder, wie bei Filmen, aus Celluloseacetat. Das enthält geringe Mengen an Essigsäure und mit der Zeit zersetzt diese das Trägermaterial. Falsche Lagerung beschleunigt den Prozess. Auch das Bindemittel auf der Oberfläche neigt dazu, sich bei zu hoher Luftfeuchtigkeit selbst aufzulösen und den Abtastkopf zu verschmieren.
CD-ROMs und Samen
Am besten sieht die Situation für elektronische Medien im Moment noch bei CD- und DVD-Scheiben aus. Die Metallschicht, auf der die Daten abgelegt sind, liegt tief unter einer Lackschicht verborgen. Zwar kann der Lack durch Lösungsmittel angegriffen werden, doch im Großen und Ganzen ist das runde Gebilde ziemlich stabil gegenüber Umwelteinflüssen. Mit den heute üblichen Legierungen erreicht eine CD theoretisch ein Alter von 50 bis 80 Jahren. CDs aus hochwertigeren Materialien sollen sogar 200 Jahre überdauern, richtige Lagerung vorausgesetzt. Genau weiß das niemand. Das Medium ist einfach noch nicht lange genug auf dem Markt. Ausführlich beschrieben werden die Medien, ihre Eigenschaften und welche Haltbarkeit daraus resultiert an dieser Stelle: (http://www.landesarchiv-bw.de). Der Artikel auf der Webseite des Landesarchivs Baden-Württemberg ist ideal zum intensiven Einstieg in das Thema geeignet.
 | | Unscheinbarer Eingang: der Iron Mountain von Außen (Quelle: Iron Mountain) | Sicher in den Tiefen der Erde verwahren lassen sich übrigens nicht nur Mikrofilme, CD-Roms und Kartons voller Akten. In Spitzbergen errichtet der Global Crop Diversity Trust - eine Gründung der UN zusammen mit mehreren Staaten, Forschungsinstituten und Agrarunternehmen - eine Samenbank. 800 Kilometer nördlich des Nordkaps entsteht ein 120 Meter tiefer Tunnel, in dem die genetischen Grundlagen von Nutzpflanzen sicher aufgehoben ruhen sollen. Drei Millionen Samen warten dann auf ihre Wiedererweckung mittels Wasser und etwas Erde. Das könnte früher der Fall sein, als man denkt. Die Ernährungs- und Landwirtschafsorganisation der Uno (FAO) schätzt, dass die genetische Vielfalt von Pflanzen im 20. Jahrhundert um drei Viertel schrumpfte. Gab es im 19. Jahrhundert in den USA noch 7000 Apfelsorten, waren es zur Jahrtausendwende noch 300. Krankheiten und Pflanzenschädlinge bedrohen nicht mehr nur kleine Teile der Ernte sondern gleich komplette Landstriche.
Sicher lagern
Ob 10 Jahre, 100 oder 200 - auf die Geschichte der Menschheit runter gerechnet ist das nicht viel. Mikrofilme gelten im Moment immer noch als Datenträger mit der größten Wahrscheinlichkeit, Jahrhunderte zu überdauern. Die neuesten Filmmaterialien haben weithin verbesserte Eigenschaften. Material auf Polyester-Basis scheint mit Abstand der stabilste Filmträger zu sein. Die Lebenserwartung wird auf 500 bis 2000 Jahre geschätzt. Umso wichtiger ist es, die Filme sicher zu lagern. Sicher vor Erdbeben, Überschwemmungen, Ungeziefer, Feuchtigkeit und - Gott bewahre - kriegerischen Auseinandersetzungen mit Massenvernichtungswaffen. Da gibt es für die Archivare seit jeher nur eine Richtung: nach unten. Zunächst Höhlen, später Bergwerke wurden und werden für die sichere Endlagerung von Datenträgern genutzt. Es gibt diverse kommerzielle Anbieter, aber auch staatliche Stellen, bei denen Informationen sicher wie in Abrahams Schoß aufgehoben sind.
 | | Schluss mit Lustig: Die Sicherheitsvorkehrungen beim National Storage sind enorm (Quelle: Iron Mountain) | Underground Vaults & Storage (UVS) zum Beispiel speichert und verwaltet Aufzeichnungen jeder Art in sicheren unterirdischen Lagern in Hutchinson/Kansas. UVS unterhält mehrere Depots inklusive einer 343 Hektar (das sind 3,43 Mio. m2) großen Lagerfläche in einem noch aktiven Salzbergwerk in etwa 215 Meter Tiefe. Die Anlage wurde während des "Kalten Krieges" zum Schutz sensibler Daten vor Spionen und vor möglichen oberirdischen Katastrophen errichtet. Ebenfalls in den USA liegt der so genannte "Iron Mountain", ein ehemaliges Eisenerz-Bergwerk. Die gleichnamige Firma gehört zu den größten Anbietern auf dem Markt. Sie verfügt über mehr als 1000 Lagerstätte weltweit und eben dem "Iron Mountain". Unter anderem lagern hier vertrauliche Daten amerikanischer Regierungsbehörden. Der "National Storage" der USA, der Zweitname des Bergwerks, liegt irgendwo in der Nähe von Pittsburgh in Pennsylvania, findet sich aber auf keiner Landkarte. Wer ihn besucht muss sich verpflichten, die genaue Adresse nicht preis zu geben. In dem unterirdischen Labyrinth lagern 45.000 Kubikmeter Papier und einige der bedeutendsten Bilddokumente der Welt. Das Corbis Bildarchiv hat hier 20 Millionen Fotos eingelagert, zum Teil berühmte Originale wie Einsteins "Zungenbild" oder "Lunch Atop a Skyscraper", das weltbekannte Foto der Bauarbeiter des Rockefeller Centers in New York. Für solche Schätze ist selbst die normale Umgebungstemperatur von 68 Grad Fahrenheit nicht niedrig genug, sie lagern in Gefrierschränken, um die Alterung des Filmmaterials so weit wie möglich zu bremsen. Eine eigene Feuerwehrbrigade schützt die Inhalte im Berg, sollte es zum GAU - Feuer in den verwinkelten Gängen - kommen.
 | | UNESCO Kultur-Schutzsymbol: Dreifache Raute - Höchste Schutzstufe für den Barbarastollen | Doch so weit muss man gar nicht gehen, um tiefe Stollen mit Datenfüllung zu finden. Der Barbarastollen (auch Oberriedstollen) übernimmt die gleiche Aufgabe in Deutschland. Er ist allerdings nicht für kommerzielle Kunden offen sondern steht nur den Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland zur Verfügung. In dem Versorgungsstollen sind fotografisch archivierte Dokumente mit hoher national- oder kulturhistorischer Bedeutung untergebracht. In dem stillgelegten Schauinsland-Bergwerk in der Nähe von Freiburg im Breisgau lagern mehr als 1500 Fässer mit Mikrofilmrollen. Etwa 24 Kilometer Film passen auf die 16 Rollen in jedem Fass, bei 36 Aufnahmen pro Filmmeter sind das gut 850.000 Aufnahmen pro Fass. Eine Menge Platz für kulturhistorische Dokumente. Darin finden sich die handschriftlichen Werke wichtiger deutscher Komponisten genauso wie Kopien von Urkunden und Verträgen mit historischer Bedeutung. Alle drei Monate kommen neue Bilder dazu, etwa 100 Millionen. Was auf ihnen für die Ewigkeit aufbewahrt wird, entscheiden die Bundesländer. Die Chefarchivare des Bundes steuern weiteres Material aus dem Bundesarchiv und dem Geheimen Staatsarchiv bei.
 | | Dickes Eisen: Tresorsystem im Bergwerk (Quelle: Iron Mountain) |
Kein Zutritt für Uniformierte
Trotz dem konstantem Klima im Stollen, der speziell angefertigten und vorklimatisierten Fässern und der Mikrofilme mit optimaler Haltbarkeit gehen die Archivare nur von 500 Jahren sicheren Lagerfähigkeit aus. Möglicherweise ist mehr drin - 1000 bis 1500 Jahre könnten Material und Lagerort aushalten. Der Stollen zumindest entspricht den Regeln der Haager Konventionen zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten. Jede Armee kennt seinen Standort und muss sich von ihm fernhalten. Nicht einmal in Friedenszeiten darf die Bundeswehr dem Eingang und seiner Umgebung nahe kommen. Diese höchste Schutzstufe teilt der Barbarastollen nur noch mit zwei anderen Plätzen: dem Vatikan und dem Reichsmuseum in Amsterdam.
 | | Umzugsalptraum: Millionen von Kisten mit Informationen (Quelle: Iron Mountain) | Doch im Prinzip spielt es keine Rolle, ob Informationen 20 oder 200 Jahre überdauern, denn das Medium an sich nutzt nichts ohne Lesegerät. Das mussten schon unzählige Firmen feststellen, die versuchten, alte Backup-Bänder wieder einzulesen. Selbst wenn das Material mitspielt, fehlen oft schlicht und ergreifend die passenden Lesegeräte. Oder die Geräte sind noch vorhanden, können aber mit keinem aktuellen Computersystem mehr verbunden werden, weil Treiber oder die Schnittstelle fehlen. Seismische Untersuchungen aus den 60er Jahren konnten beispielweise nicht mehr ausgewertet werden. Mittlerweile stehen Häuser auf dem damals mit Sprengungen simuliertem Erdbebengebiet. Die Tests können also auch nicht mehr wiederholt werden. Müssen Informationen wirklich über sehr lange Zeitspannen aufbewahrt werden, zum Beispiel bei medizinischen Patientenakten, hilft nur beständiges Umkopieren - der Rückgriff zum Papier also. In den meisten Krankenhäusern gibt es, Computersysteme und Patientenkarte hin oder her, einen Keller voller gefüllter Archivregale.
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