Wissenswertes
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20.01.2008
Anonym im Internet
Täuschen und Tarnen im Netz
Wie anonym ist das Internet wirklich? Politiker und Polizei fordern immer mehr Rechte beim Zugriff auf elektronische Daten, doch welche Informationen stehen heute schon für Staat und interessierte Organisationen zur Verfügung? Mittlerweile erschreckend viele. Wir zeigen eine Übersicht und erste Hilfemaßnahmen.
"Im Internet interessiert es niemand, ob Du ein Hund bist" - so einfach fasste Nicholas Negroponte Anfang der Neunziger Jahre die weitgehende Anonymität des Internet zusammen. Wer mit dem Internet-Explorer durch die damals noch ziemlich beschränkten Weiten streifte hatte ganz andere Probleme als die Abwehr von Datensammlern - er fühlte sich eher ziemlich allein, denn das Internet war wenig mehr als eine Spielwiese für IT-Profis und Wissenschaftler. Solange man seinen Namen, die E-Mail Adresse und andere persönliche Daten für sich behielt, war Web-Surfen tatsächlich eine weitgehend anonyme Angelegenheit.
Vorratsdaten für sechs Monate
Das sieht heute anders aus, und zwar ganz anders. Zum Einen tummeln sich 1200 Millionen Menschen im weltumspannenden Netz, da ist auch die Neugierde nach dem Mit-Surfer deutlicher ausgeprägt. Zum Anderen haben viele Firmen Adressen und andere persönliche Informationen als lukratives Geschäftsfeld entdeckt - irgendwo müssen die Milliarden von Spam-Mails ja hin geschickt werden. Und der Dritte und wahrscheinlich noch maßgeblichere Punkt ist das Interesse von Regierungen und staatlichen Stellen auf der ganzen Welt. Wirkliche Anonymität ist heute im Internet (fast) nicht mehr möglich, dafür sorgen ständig verschärfte Gesetze und Verordnungen wie das im letzten Herbst verabschiedete "Gesetz zur Neuregelung der Telekommunikationsüberwachung und anderer verdeckter Ermittlungsmaßnahmen sowie zur Umsetzung der Richtlinie 2006/24/EG". Darin wurde auch die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland verschärft. Durch das am 1. Januar 2008 in Kraft getretene Gesetz müssen Verbindungsdaten nun für sechs Monate vom Telekommunikationsanbieter aufbewahrt werden. Inwieweit dieses Gesetz mit dem Grundgesetz verträglich ist, soll durch eine Klage beim Bundesverfassungsgericht geklärt werden, allerdings bestehen bereits jetzt erhebliche Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit.
Zu den Verbindungsdaten gehören neben Telefonnummern und Anrufzeit, bei Handys auch IMEI-Nummern und Funkzellen, ebenso die IP-Adresse für die Einwahl ins Internet und die Eckdaten des E-Mail-Verkehrs (ohne Inhalte). Die IP-Adresse ist eine Art Kennziffer, die den Anschluss jedes Internetzugangs eindeutig kennzeichnet. Bei den meisten Anschlüssen ändert sich die Adresse zwar alle 24 Stunden, doch durch die Speicherung für sechs Monate ist es möglich auch im Nachhinein die Bewegungen des Internet-Surfers im Web eindeutig nachzuvollziehen. Auch ohne Online-Durchsuchung mit dem Bundes-Trojaner.
Grundrecht Anonymität
Nun kann man die Frage stellen, warum Anonymität im Netz wichtig ist. Meist folgt der Satz "ich habe nichts zu verbergen". Das stimmt, doch die Antwort muss gerade dann sein: wenn man nichts zu verbergen hat, gibt es keinen Grund, dass alle diese Daten gesammelt und aufgezeichnet werden. Anonymität ist ein elementares Recht jedes Einzelnen. Das zumindest sagt das Multimediagesetz (Informations- und Kommunikationsdienstegesetz (IuKDG) vom 1.8.1997) aus. Die Kritiker führen eine ganze Reihe von Argumenten ins Feld, nachzulesen auf der Wikipedia-Seite. So führen die Autoren an, dass das Wissen, dass das eigene Verhalten protokolliert wird und in Zukunft gegen den Kommunizierenden eingesetzt werden könnte, abschreckend wirke. Dieses Wissen könne Menschen in Not davon abhalten, die Hilfe von Beratungsstellen, Ärzten, Psychologen, Rechtsanwälten oder Seelsorgern in Anspruch zu nehmen.
Genauso könnten Informanten davon abgehalten werden, Missstände zu kommunizieren, sie würden mit dem Gedanken an die wahrscheinliche Aufdeckung im Nachhinein eher Abstand davon nehmen. Aber auch auf einer weniger grundsätzlichen Ebene ist die Neugier nach Daten und deren Zuordnung zumindest unangenehm. Schon heute geben ohnehin die meisten viel, wenn nicht zu viel, von sich Preis, ganz freiwillig. So verlangen viele E-Commerce-Seiten die Registrierung, wenn man Produkte oder Dienstleistungen bestellen will. Und jeder Anbieter verfolgt aufmerksam die Aktionen des potenziellen Käufers im Web. So kommen bei Amazon die Kaufempfehlungen zu Stande. Das mag ein praktisches Angebot sein, doch gibt es keine Garantie, dass die Daten letztendlich nur für diese Form der pro-aktiven Kaufempfehlung genutzt werden. Gerade wenn der Mutterkonzern in einem Land firmiert, dessen Datenschutzbestimmungen lockerer gehandhabt werden, können Informationen schnell an einer ganz anderen Stelle als geplant landen. So ist es schon mehrfach passiert, dass Firmen Insolvenz anmelden mussten und deren Konkursmasse samt Datenbestand von einem anderen Unternehmen gekauft wurde. Der neue Besitzer fühlte sich beileibe nicht an die Datenschutzerklärung des Vorgängers gebunden und flugs wurden die Kundendaten zu einer handelbaren und wertvollen Ware.
Freiwillig oder automatisch
Anonymität im Internet teilt sich also in zwei große Felder auf: einmal in die freiwillig preisgegebenen Daten und dann in die Informationen, die ohne unser Wissen automatisch erfasst werden. Um die erste Kategorie muss sich jeder selbst kümmern. Wer auf Webseiten persönliche Daten wie E-Mail Adresse oder Name und Kreditkartennummer eingibt, sollte sich dessen bewusst sein und zumindest auf aktive Verschlüsselung, bei den meisten Internet-Browsern durch ein kleines Vorhängeschloss im Adressfeld gekennzeichnet, achten. In der Regel zahlt sich auch eine eigene Mail-Adresse für solche Aktionen aus. Die erhält man kostenlos bei einem der großen Free-Mail Anbieter wie GMX, Web.de oder Google und wird nur für solche Registrierungen verwendet. So bleibt zumindest die eigene, für private Mails genutzte, Mailadresse etwas besser vor automatischen Adresssammlern geschützt.
Bei den Daten, die automatisch und weitgehend unsichtbar gesammelt werden, muss man stärkere Geschütze auffahren, um wirklich anonym zu werden. Zum Einen geht es dabei um die Verschleierung der IP-Adresse, zum Anderen um die Abwehr von Cookies. Cookies sind kleine Dateien mit wenigen Zeilen Inhalt, die automatisch beim Besuch von Webseiten auf den eigenen PC übertragen werden. Das ist einerseits gut: so erkennt Otto.de, dass Frau Sieglinde Mustermann wieder vorbei schaut und präsentiert ihr gleich die gewohnte Seitenansicht. Allerdings werden Cookies zum Teil inflationär auf die Computer Besucher verteilt und das eigentlich eingebaute Ablaufdatum auf Dutzende von Jahren hoch gesetzt. Damit können die Betreiber von Webseiten nicht nur ehemalige Besucher erneut begrüßen sondern ein recht lückenloses Profil der Aktionen auf der Webseite anfertigen. Cookies sollte man deshalb - buchstäblich - mit Vorsicht genießen. Die meisten Browser bieten eine Einstellung an, die Cookies nur auf Nachfrage akzeptiert und ansonsten ablehnt. Das ist bei den ersten Besuchen lästig, weil ständig das Fenster mit der Bestätigungsfrage aufklappt, lässt aber schnell nach, wenn die wichtigen Webseiten, denen man Cookies zugestehen will, erneut abgesurft sind. Ebenfalls möglich ist es, Cookies mit dem Schließen des Browsers zu löschen. Dann sollte man aber auf jeden Fall die häufig besuchten und legitimen Webseiten in einer Liste von der ständigen Abfrage ausnehmen.
 Kekse mit Nebenwirkungen: fast alle Websites platzieren Cookies auf dem PC - wenn man sie lässt.
|  Der Firefox löscht Cookies auf Wunsch am Ende des Web-Surfen.
|  Wer will kann bei den meisten Browsern alle privaten Daten auf einen Rutsch entfernen.
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Kekse und Zwiebeln
Mehr Kontrolle über Cookies erhält man durch die Erweiterung Cookie-Button für den Firefox Browser. Nach der Installation kann man über ein kleines Keks-Symbol der aktuellen Seite das platzieren von Cookies gestatten oder eben nicht. Die Firefox-Einstellungen werden damit nicht überschrieben. Hat man dort eine Seite für Cookies gesperrt, hilft auch der Cookie-Button nicht weiter. Noch maßgeblicher für die Identifikation ist die IP-Adresse jedes Internet-Surfers. Die IP-Adresse gibt es weltweit nur einmal und ist über den Internet-Service-Provider zweifelsfrei einem Internet-Zugang zuzuordnen, unabhängig davon, ob man per analogem Modem, ISDN, DSL oder Handy online geht. Wer nichts zur Verschleierung der Adresse unternimmt, ist in letzter Instanz, wenn es einen Gerichtsbeschluss zur Herausgabe der Einwahldaten gibt, identifizierbar. Nun kann man geteilter Meinung darüber sein, ob das tägliche News-Lesen bei spiegel.de oder eine Bestellung bei Amazon so schützenswert ist, dass man gleich Schritte zur Verschleierung der IP-Adresse ergreifen muss. Wer in China lebt und eine möglicherweise systemkritische Webseite ansehen möchte, hat den Luxus dieser Entscheidung nicht. Zumindest sollte es möglich sein, anonym zu surfen. Ob und wann man davon Gebrauch macht ist eine Frage der persönlichen Einstellung.
Technisch ist das anonyme Surfen zumindest theoretisch möglich. Allerdings ist dazu etwas mehr Aufwand vonnöten. Das Zauberwort lautet "Proxy" und beschreibt ganz generell ein Verfahren, bei dem ein Mittler zwischen die Kommunikation geschaltet wird. Im Fall der Anonymisierung sind das mehrere Proxies, je mehr desto besser.
 | | TOR läuft - und der PC bewegt sich unerkannt im Netz | Ganz sinngemäß heißt dann auch einer der beiden bekanntesten Anonymisierungsdienste TOR - The Onion Router. Onion, also Zwiebel, deshalb, weil die ursprüngliche Anfrage wie bei einer Zwiebel durch mehrere Schichten geleitet wird, von der keine mehr als die Daten der letzten Schicht kennt. Am anderen Ende dieses Datenhüpfens erscheint die Anfrage dann in ihrer ursprüngliche in Form und wird an den Zielserver weiter geleitet - allerdings mit dem letzten Server im TOR-Netzwerk als Absender. Zurück geht es auf die gleiche Weise, dass innerhalb der TOR-Zwiebel keine Aufzeichnungen über Absender und Ziel angefertigt werden, versteht sich von selbst. Tor ist ein Projekt der Electronic Frontier Foundation, einer Organisation, die sich für Meinungsfreiheit im Internet einsetzt. TOR eignet sich wunderbar um das Surfen im Internet zu anonymisieren, lässt sich aber auch für E-Mails, Instant Messaging und den Download-Dienst Bittorrent nutzen. Wer auf seinem PC ein halbwegs aktuelles Windows und den Firefox als Browser nutzt, kommt auf die denkbar einfachste Weise in den Genuss von TOR. Das so genannte Vidalia-Paket installiert in einem Rutsch alles, was man zum anonymen Surfen braucht, ein Klick auf das "Zwiebelsymbol" am unteren Rand des Browsers genügt. Den Nachteil bemerkt der nun unsichtbare Surfer auch sofort: die kostenlose Anonymisierung bremst das virtuelle Schlendern durch die Webseiten enorm aus.
Anonym mit JAP
 | | Tarnkappe: Mit JAP surft man unerkannt und sicher | Nach einem ähnlichen Konzept arbeitet auch der zweite, weltweit bekannte Anonymisierungsdienst JAP und dessen kommerzieller Ableger JonDonym. JAP ist eine Entwicklung im Projekt Anonymität im Internet, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BmWi) gefördert wird. Das Projekt arbeitet eng mit dem Unabhängigen Landeszentrum für den Datenschutz Schleswig-Holstein zusammen. Trotz Meinungsverschiedenheiten mit den Strafverfolgungsbehörden in den vergangenen Jahren ist JAP nach wie vor online und wird als rechtlich unbedenklich angesehen.
Daneben gibt es noch eine ganze Reihe kostenpflichtiger Anbieter wie die Firma Nutzwerk, Hopster oder die schwedische Piratenpartei. Deren "Relakks" baut eine stark verschlüsselte Verbindung zwischen Benutzer und Relakks-Server auf, über die sämtliche Internet-Anwendungen - etwa Tauschbörsen, Browser oder Instant Messenger - ihre Daten schicken können. Ist der Wunsch nach Anonymität nur vorüber gehender Natur, kann auch einer der zahlreichen Proxy-Server im Internet dafür verwendet werden. Dort gibt man die Adresse der gewünschten Seite in das Eingabefeld ein und surft zumindest für die Dauer dieser Session unerkannt. Der Anonymouser macht das Ganze für den Firefox-Browser bequem per Mausklick möglich. Wenn man mit der rechten Maustaste auf einen Link klickt, folgt schaltet der Browser einen Proxy zur Anonymisierung zwischen.
Dauerthema Sicherheit
Es sieht nicht so aus, als ob die Sammelwut der Firmen und Behörden in nächster Zeit nachlassen wird. Wer sich für den Schutz seiner Daten im Internet interessiert, findet zahlreiche gute Anlaufstellen im Internet, allen voran das Bundesministerium für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Spannende Infos und Hilfsmittel gibt es auch hier: http://www.cryptocd.org und wer wissen will, welche Informationen sein Browser ständig ausplaudert, findet hier http://www.meineipadresse.de/html/privacy_check.php eine von zahlreichen Möglichkeiten, um das heraus zu finden.
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