Im Blickpunkt



ZDF (Abenteuer Wissen) 25.05.2005

Rätselhaftes Vogelsterben


In unseren Breitengraden drohen auf einmal Infektionskrankheiten zu einer ernsthaften Gefahr zu werden, die es hier bislang nicht gab. Die Krankheitserreger vermehren sich wegen klimatischer Veränderungen bei höheren Durchschnittstemperaturen auch in Deutschland und breiten sich heimlich immer weiter Richtung Norden aus.

Im Spätsommer des Jahres 2001 löste ein neuer Krankheitserreger im Raum Wien ein "Amselsterben" aus. Die toten Vögel wurden sofort in der Pathologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien untersucht. Die Forscher entdeckten ein Virus aus Südafrika, von dessen tödlicher Wirkung auf Vögel man bisher nichts wusste.

Das Massensterben von Amseln erinnerte die Forscher an die West-Nil-Epidemie in Amerika. 1999 tauchte der Erreger, das West-Nil-Virus, erstmals in New York auf. Die österreichischen Forscher vermuteten, dass das aggressive West-Nil-Virus aus Afrika auch der Auslöser für das rätselhafte Vogelsterben im Raum Wien war.

Suche nach dem Erreger
Die Tiermediziner Prof. Herbert Weissenböck und Prof. Norbert Nowotny von der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurden beauftragt, nach der Ursache zu forschen. In Mitteleuropa waren bisher noch keine West-Nil-Virus Erkrankungen aufgetreten. Erste Untersuchungen der toten Amseln erhärteten den Verdacht: Die inneren Organe der toten Amseln waren angeschwollen, eine Hirnhautentzündung galt als mutmaßliche Todesursache - wie beim West-Nil-Virus. Genaueres ergab dann aber die DNA-Analyse: Nicht der West-Nil-Virus war der Erreger, sondern ein naher Verwandter - das Usutu-Virus.

Es ist seit 1959 bekannt und wurde nach einem Fluss in Swaziland benannt. In einigen südafrikanischen Ländern wurde das Virus, das zu den Flaviviren gehört, in Stechmücken und Vögeln nachgewiesen. Da es als harmlos und ungefährlich eingestuft wurde, blieben weitere Forschungen aus.

Doch wie konnte das Usutu-Virus von Afrika aus bis nach Österreich gelangen? Prof. Herbert Weissenböck, Veterinärmedizinische Universität Wien: "Es gibt im Prinzip zwei Möglichkeiten, Zugvögel oder Vogeltransporte aus Afrika." Besonders Amseln sind dem Virus hilflos ausgeliefert, da ihr Abwehrsystem dem Usutu-Virus nichts entgegen zu setzen hat. Inzwischen hat sich das Virus über die Region Wien hinaus ausgebreitet - in Niederösterreich, dem Burgenland und in der Steiermark. Prof. Herbert Weissenböck, Veterinärmedizinische Universität Wien: "Ich gehe davon aus, dass sich das Virus Jahr für Jahr weiter verbreiten wird, und es ist auch durchaus möglich, dass es in den nächsten Jahren in Deutschland auftauchen könnte."

Verbreitung des Virus
Vor allem Amseln sind betroffen, aber auch andere heimische Vogelarten wie Blau- und Kohlmeisen erliegen dem Virus. Um zu klären, wie sich das Usutu-Virus so verbreiten konnte, wurden frei lebende Vögel gefangen und untersucht. Die Analyse der Blutproben ergab: Infizierte Vögel überleben nur in Ausnahmefällen. Prof. Herbert Weissenböck: "Wir haben bei sehr wenigen Vögeln Antikörper gegen dieses Virus gefunden. Das unterstreicht die Aussage, dass der Großteil der Vögel, die mit dem Virus in Kontakt kommen, stirbt." Die Verbreitung des Usutu-Virus durch überlebende Vögel ist also äußerst unwahrscheinlich.

Blutsaugende Insekten übertragen das aus Afrika stammende Usutu-Virus. Auch in den folgenden Sommern wurden wieder tote Amseln gefunden, die mit dem Usutu-Virus infiziert waren. Es handelte sich um den gleichen Virenstamm wie im Jahr zuvor. Die Forscher gingen davon aus, dass das Virus in heimischen Mücken den Winter überlebt hatte. Das bedeutet, dass sich in den folgenden Jahren die Virusinfektion weiter ausbreiten wird.

Ist die Mückenbrut schon infiziert?
Da im Fall des West-Nil-Virus heimische Mücken die Überträger sind, nahmen die Wiener Forscher Kontakt mit den deutschen Zoologen Dr. Roland Kuhn auf. Mücken sind sein Spezialgebiet. Dr. Kuhn vermutet, dass unsere heimischen Blutsauger die Erreger unter sich übertragen - von der weiblichen Mücke auf die Nachkommen. Das würde erklären, warum sich das Usutu-Virus schnell verbreiten konnte. Doch bisher konnte Dr. Kuhn in Zusammenarbeit mit dem deutschen Virologen Dr. Martin Pfeffer das Virus in der Mückenbrut noch nicht nachweisen.

Dr. Roland Kuhn, Universität Mainz: "Wir haben die gleichen Vögel, die gleiche Mückenpopulation, das gleiche Klima. Deshalb sehe ich keinen Grund, warum das Usutu-Virus nicht hier sein sollte. Wir haben es nur noch nicht gefunden, weil wir es noch nicht systematisch gesucht haben."

Auch Prof. Weissenböck und Prof. Nowotny in Wien forschen weiter. Sie überprüfen zur Zeit die so genannte "Vektorkompetenz". Damit lassen sich jene heimischen Stechmückenarten herauszufinden, die die Hauptrolle im Übertragungszyklus des Virus spielen. Die Forscher behalten das Virus selbst weiter im Visier, denn inzwischen gab es schon eine Übertragung auf den Menschen. Prof. Herbert Weissenböck: "Wir haben bei einem Menschen das Virus nachweisen können. Allerdings litt dieser nicht an einer lebensbedrohlichen Krankheit. Doch wir müssen dieses Phänomen im Auge behalten, denn Viren können mutieren. Und wir wissen nicht, was in Zukunft passieren kann."

Quelle: ZDF


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